Wie ist das eigentlich bei Euch?
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Wie ist das eigentlich bei Euch? Oktober 2015

In diesem Oktober geht es nach Tirol, Österreich. Denn hier lebt Verena von Mami Rocks mit ihrer Familie (3 Kinder und Mann). Sie berichtet, wie sich das Familienleben in Tirol gestaltet und, welche Hürden es zum Beispiel in der Kinderbetreuung zu meistern gilt, wenn Mama arbeiten geht. Auch, wenn es noch einiges zu verbessern gibt, was die Kinderbetreuung angeht, macht ihr Interview mir definitiv Lust auf einen Urlaub in Tirol. Am liebsten ein Skiurlaub- ich gebe es zu. Hört sich doch sehr idyllisch an, oder was meint Ihr?

Übrigens hatte ich schon einmal im Januar einen Bericht aus Österreich. Und zwar aus Wien . Aber der ist wirklich ganz anders! Interessant, wie sich die Regionen in den Ländern unterscheiden, oder? Aber das ist hier in Deutschland ja auch nicht anders.

Viel Spaß beim Lesen 🙂

Verena von Mami Rocks

Verena von Mami Rocks

Liebe Verena, magst Du Dich uns bitte vorstellen?

Hallo! Seit Februar 2015 bin ich in einem neuen Land angekommen: Ich habe begonnen, meinen Blog zu entwickeln und blogge seit Frühling auf Mami Rocks mit meiner Freundin Maia. Wir leben beide seit ca. 4 Jahren in Tirol und haben uns hier zwischen Kuhweiden, Gebirgsmassiven und Schützenvereinen kennengelernt. Natürlich verbindet in so einem Mikrokosmos das „Fremdsein“, keine Hiesige zu sein, auf Anhieb. Obwohl ich mich eigentlich gar nicht so besonders fremd fühle, denn ich bin ein Münchner Kindl und habe meine Kindheit in einem bayrischen Kuhkaff verbracht. Mit 12 Jahren bin ich richtig ausgewandert, mit meinen Eltern nach Rom. So bin ich es gewöhnt, mich überall wohlzufühlen, ob Stadt oder Dorf. Was mir hier die Türen unsagbar öffnet, ist die bayrische Sprache.
Mein Geld verdiene ich schon immer mit dem Schreiben von Artikeln für Zeitschriften und mit dem Fotografieren.

Wie kinderfreundlich ist dein Land/ deine Stadt?

Die Tiroler sind sehr, sehr kinderfreundlich. Ich bin mit meinen drei Kindern, „Großer“ 6 Jahre, und Zwillinge im gemischten Doppel, 5 Jahre, die oft wie eine Entenschar hinter oder laut johlend vor mir hersausen, noch nie blöd angeredet oder auch nur angeschaut worden. Die Blicke sind freundlich, manchmal bewundernd, manchmal mitleidig-mitfühlend. Die meisten (älteren) Frauen haben hier selbst mehrere Kinder großgezogen. Nach dem ersten ein zweites Kind, und eben vielleicht ein drittes (und viertes) zu bekommen, ist normal. Allerdings oft mit größeren Zeitabständen. Die Menschen haben ein Herz für Kinder! Auch in Situationen, die mir peinlich sind, weil meine Rasselbande mal wieder voll über die Stränge schlägt, höre ich ein aufmunterndes „Des san doch Kinder“. Wildfremde Männer lassen sich eins überziehen und Kassiererinnen weisen einen Aufmüpfigen freundlich aber bestimmt in die Grenzen: Was oft viel besser wirkt, als wenn ich anfange… (Jetzt denkt ihr bestimmt, was hat die denn für eine Brut, aber nein, im großen und ganzen sind die Kinder in der Öffentlichkeit viel wohlerzogener als Zuhause, haha!)

Gibt es viele Spielplätze?

Najaaa. Es gibt schon Spielplätze, auch ein paar originelle, aber die Streudichte ist nicht gerade berauschend. Die Ausstattung ist meist spärlich klassisch, wenn ich sie mit den superkreativen Abenteuerplätzen vergleiche, die man etwa in München an jeder Ecke findet. Die Kinder finden sie trotzdem gut und freuen sich immer, wenn wir mal zum Spielplatz gehen. Das tun wir nicht so oft, denn was mich am meisten stört: ich muss immer extra mit dem Auto wo hinfahren. Also gehen wir eigentlich nur an einen Spielplatz, wenn wir gerade wo in der Nähe sind.

Außerdem gibt es tolle Spielplätze auf Almen, wo man erst mal hinauf wandern muss und an anderen Ausflugsorten. Im Sommer gibt es wunderbare Abenteuerparcours und Zauberwald mit Klettern und Motorik-Spaß und alles mögliche, z.B. eine Zirbenholz-Kugelbahn (am Glungezer) in den Gegenden, wo im Winter die Skipisten sind. Damit auch im Sommer Leute mit den Gondeln hochfahren. Toll, aber nicht billig. Im Winter ist in den Skiorten immer an den Pisten unten ein Spielplatz. Da kann man auch Skikarusell und Schlitten fahren. Denn so Schlittenbergerl, wie ich das aus meiner Kindheit in Bayern kenne, gibt es auch nicht. Berge gibt’s genug, aber überall bleibst du im Tiefschnee stecken. Außer eben auf den Skipisten.

Gibt es viele Angebote für Kinder?

Es gibt alles von Kinderturnen über Ballett, Tanz, Kinderyoga, Kletterkurse, Judoklub bis hin zu Musikschulen. Wir haben in unserem neuen, etwas größeren Dorf, in dem wir seit Juli leben, einen ganz tollen Familientreff. Diesen Sommer haben die Jungs dort bei den Waldkindern mitgemacht. Eine TEH (Traditionelle Europäische Heilkunst)-Pädagogin war einmal in der Woche nachmittags mit den Kindern im Wald. Mal haben sie Heidelbeeren gepflückt, mal eine Salbe aus Blumen und Kräutern hergestellt, Brennessel-Burger für uns zubereitet oder – auf Wunsch meines Ältesten – einen Fuchsbau aufgespürt. Und das Tollste: Die Kinder zeigen mir jetzt bei jedem Spaziergang Kräuter, mal giftige wie den Schierling, „die darfst du auf keinen Fall pflücken, Mama“, mal eine Medizin gegen Brennessel-Brennen.

Im Winter lernen natürlich alle Skifahren, ab 3 oder 4 Jahren. Da gibt es bezahlbare Skikurse für Einheimische. Wenn die Kinder im Skiverein sind, dürfen sie nach dem Kurs einmal in der Woche zum Training kommen. In der Schule gehen sie ab der 1.Klasse mit den Kindern Skifahren, sodass es die paar, die es bis dahin noch nicht können auch noch lernen. Außerdem gehen sie mit den Kindern Schlittschuhlaufen und machen einen Schwimmkurs.

Wie sehen die Betreuungsmöglichkeiten aus?

Das Land Tirol hat in den letzten Jahren angefangen, in Kinderkrippen und Nachmittagsbetreuung zu investieren. Betonung auf angefangen. Die Zwillinge waren noch keine 2, als wir hier ankamen und wechselten in eine private Kinderkrippe, für die wir im Monat ca. 350 € – für beide zusammen – für Betreuung bis 13 Uhr mittags zahlen mussten. Das war die einzige noch erschwingliche Möglichkeit in der Umgebung. Drei Jahre später sieht das Angebot für Unter-Dreijährige etwas besser aus, aber nicht unbedingt billiger. Das Essen kam aus einem Altenheim, das auch den Kindergarten beliefert und sich nicht scheut, den Kindern als Nachtisch Donuts oder Kompott mit Aspartam-K gesüßt zu servieren. Auch jetzt am neuen Ort gibt es wieder ein geradezu fürstliches Menü aus Suppe, Hauptgang und Nachtisch. Das ist wohl so üblich.
Obwohl die Chemie mit den Betreuerinnen in der privaten Krippe von Anfang an stimmte, war ich doch etwas baff, zu hören, dass etwa die Praktikantin schon mal einen halben Vormittag mit über 10 Kindern alleine war, weil die Chefin sich spontan frei genommen hatte. Hohe Pädagogik war nicht, aber die Kinder hatten Spaß in herzlicher Atmosphäre. Und was ich super fand: Ich wollte die Zwillinge mit 2,5 Jahren schnell sauber kriegen, und die beiden weltbesten Tanten halfen mir nach Kräften. Wochenlang durfte ich sie ohne Windeln schicken, bis das Kunststück gelang – trotz Bällebad voll bieseln und anderer Missgeschicke….

Kindergarten ist hier super. Wir haben nach der Krippe zwei ausprobiert, da wir ja umgezogen sind und alle beide sind toll. Der Kindergarten ist in Tirol ab 4 Jahren kostenlos und für Vorschulkinder verpflichtend. Für Dreijährige kostet er ca. 70 Euro und unter 3 wirst du nicht genommen. Was mir nicht so gut gefällt: Nachmittags kann man nur die ganze Woche buchen. Also, wenn ich nur 2 Tage möchte, muss ich den vollen Preis von ca. 70 Euro bis 14.00 Uhr und mindestens 110 Euro pro Kind im Monat bis 17.00 Uhr zahlen. Freitags schließen viele Kindergärten ohnehin um 14.00 Uhr.

Ganz toll ist, dass man die Jause nicht mitbringen muss – die Tanten richten für alle Kinder das Essen her. Es gibt belegte Brote und viel Gemüse für einen monatlichen Beitrag zwischen 5 und 8 Euro.
Im ersten Kindergarten war mein Ältester 2012/2013 immer bis 14.00 Uhr. Es war das erste Jahr, dass der Kindergarten überhaupt eine Nachmittagsbetreuung angeboten hat. Ganze 5 Kinder haben daran teilgenommen. Mittlerweile sind es zwischen 10 und 15. Die meisten Mütter holen die Kinder zwischen 11.30 und 12 Uhr. Manche lassen die Kinder im ersten Jahr nur 2 oder 3 Tage gehen, oder überhaupt erst ab 4. Als ich einmal nachgefragt habe, warum? – kam die Antwort: Sonst wird es ihnen ja langweilig.

Für mich ist das manchmal eine andere Welt und ich muss mir immer wieder vorsagen, dass es OK ist, wenn ich meine Kinder erst um 13 Uhr hole, dass mein Großer jetzt 2 mal in der Woche in der toll organisierten Nachmittagsbetreuung in der Schule ist, die WOW! vom Land gesponsert wird und nur 25 Euro im Monat kostet. (plus Essen à 3 Euro/Tag). Es ist auch OK, dass meine Zwillinge mit 13 Monaten (mit Freuden) in eine Krippe kamen und ich mal schlafen konnte! Findet ihr nicht auch? Alles eine Frage des Blickwinkels, nicht?!

Wie sieht es mit Babysittern aus?

Keine Ahnung! Ich habe noch nie welche gebraucht. In Bayern gab es immer Schulmädels, die mir geholfen haben. Das habe ich mir am Anfang hier auch gewünscht, aber es hat sich nicht ergeben.

Ich habe auch nicht so das Bedürfnis, abends auszugehen, da ich alle 2-3 Monate ohne Kinder in München zum Arbeiten bin, wo ich dann Zeit für mich habe.

Hier läuft das meiste über Mund-zu-Mund-Propaganda und Nachbarschaft. Für einen Abend oder ein paar Stunden gibt man so 10 bis 20 Euro.

Ich habe mal versucht eine Leih-Oma vermittelt zu bekommen, das war aber überfüllt.

Bist Du glücklich mit der Situation in Tirol? Wie ist der Vergleich mit Deutschland?

Ich bin sehr glücklich, dass wir hier ein neues Haus gefunden haben, um weiter hier leben zu können. Unsere Kinder können nun so aufwachsen, wie ich es mir immer für sie erträumt habe: In einer ruhigen Siedlung am Wald, wo sie alleine mit ihren Rädern herum fahren können, ohne viel Autoverkehr. Wo sie alleine raus gehen können, um bei einem Freund zu klingeln, wie ich das als Kind auch gemacht habe.

Klar gibt es immer ein paar Sachen, die vor einem Umzug besser waren, egal in welchem Land, aber wir haben uns als Familie ganz bewusst dafür entschieden aufs Land zu ziehen, um unsere Kinder eine solche Kindheit zu ermöglichen. Wir waren von 2008 bis 2010 auch schon in Tirol, aber in einer einsameren Gegend und sind dann zur Geburt der Zwillinge kurzfristig nach Bayern zurück, um in der Nähe der Großeltern zu sein, sonst hätten wir die Mammutaufgabe mit drei so Kleinen nicht geschafft. Sobald sich die Gelegenheit ergab, sind wir zurück, denn wir wussten, Tirol isses. Alles ist ein wenig kleiner, überschaubarer und persönlicher. Und das Essen ist besser (-; (Das Bier holen wir allerdings in Bayern…)

Im Vergleich mit Deutschland: Das österreichische Schulsystem finde ich persönlich besser. Es ist flexibler und lässt den Kindern auch im Teenageralter noch alle Möglichkeiten offen. Die Kinder können sich auch mit 14 noch dazu entscheiden, das (fachbezogene) Abitur (hier Matura) zu machen. Es gibt ganz viele tolle weiterführende Spezialschulen, z.B. für Tourismus und Hotellerie, und sogar ein Ski- und ein Ballettgymnasium.

Was ich schon sehr witzig finde ist, dass die Kinder die Erzieherinnen im Kindergarten O-Ton mit Tante ansprechen und in der Schule mit Frau Lehrerin!

Ganz toll ist das Vorschulsystem. Die Kinder kommen mit dem Stichtag 31.8. in die Schule – auch solche, die noch keine Schulreife erlangt haben. Sie machen mit soweit sie können und eine Vorschullehrerin kümmert sich dann um sie, wenn ihre Leistungsfähigkeit ausgereizt ist. Zusammen gehen sie dann zum Spielen oder Bewegen in einen anderen Raum. Diese Kinder können so im Klassenverband sein und haben die Chance, eine Klasse weiter zu kommen, wenn sie – z.B. durch einen plötzlichen Entwicklungsschub – das Lernziel doch noch erreichen. Genauso können Kinder, die sich plötzlich ganz schwer tun und nicht mehr mitkommen, im Herbst oder zum Halbjahr eins runter wechseln. Dieses flexible System in den ersten drei Jahren (Vorschule, 1.+2. Klasse) gilt nicht als Sitzenbleiben.

Liebe Verena, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen und mitgemacht hast! Ganz ehrlich: Ich habe Lust auf Tirol bekommen. Danke 🙂

Bereits mitgemacht an dieser Reihe haben die Bloggerin Séverine von Mama on the Rocks aus der Schweiz, meine Freundin Renate in Sidney, Tanja vom Blog Tafjora- eine deutsche Familie in Frankreich aus Frankreich, Bloggerin Anne vom Blog Die Wüste & Ich aus Dubai und Nadine vom Blog Buntraum aus Wien, Dajana vom Blog Mit Kinderaugen, die eine Zeit in den USA verbracht hat und Lara vom Blog Dreaming Today, die in Finnland lebt. Im April hat mir Susanne, die in Andalusien lebt, meine Fragen beantwortet. Ihr Blog heißt Andalusienmutti. Im Mai war Kristine von Importkaaskop  dran, die in Holland lebt. Und danach folgte Ute von Berlondon Mama aus London im Juni.

Hier geht es zu den entsprechenden Beiträgen:

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Lebt Ihr ebenfalls im Ausland und wollt berichten, wie das dort mit Kindern läuft? Dann freue ich mich über Eure Mail an         mama(punkt)schulze(ät)gmx (punkt)de

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