Ausland, Erfahrung, Wie ist das eigentlich bei Euch?
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Wie ist das eigentlich bei Euch? Teil III

Heute geht mein Oktoberprojekt in die 3. Runde. Und zwar berichtet uns diesmal die liebe Tanja vom Blog Tafjora – eine deutsche Familie in Frankreich über ihre Zeit mit ihrer Familie in Südfrankreich. Ich habe Tanja via Twitter kennengelernt. Auf ihrem Blog berichtet sie regelmäßig live über ihr Leben mit ihrer deutschen Familie in Frankreich, 1200 km entfernt von der restlichen Familie und Freunden.

Ich finde ihre Erfahrungen sehr interessant. Es ist nun der dritte Erfahrungsbericht, zuvor kamen die Schweiz und Australien dran. Und es zeigt sich, dass es doch große Unterschiede gibt, insbesondere bei den Betreuungsmöglichkeiten.

Bonjour,

ich bin Tanja, 38 Jahre alt und lebe mit meinen 3 Männern (mein Mann, mein Löwenjunge *2009 und mein Winterkind *2012) seit mehr als 2 Jahren hier in Südfrankreich, über 1200 Kilometer von unserer Heimat, Familie und Freunden entfernt.
Mit Frankreich verband mich bis dato so absolut mal gar nichts! Ich hatte mit diesem Land, den Leuten und der Sprache überhaupt nichts am Hut, im Gegenteil, Frankreich war aufgrund ganz schlechter Erfahrungen (Schule, Urlaub) so ziemlich das allerletzte Land das ich bereisen oder wo ich hätte leben wollen.
Ich gestehe, Orangina und die roten Gauloises (die ich früher einmal rauchte,) waren so ziemlich das Einzige was ich an diesem Frankreich gut fand.
Tsja:
Und dann kam eines Abends (im März 2010) mein Mann nach Hause und fragte: „Frankreich- Schatz, was hältst Du von Frankreich?“ und das war sein absoluter Ernst!

Auf meinem Blog Tafjora – eine deutsche Familie in Frankreich erzähle ich also von meinem Leben als „Expatmama auf Zeit“ hier in Frankreich. Was ist hier anders, was fehlt uns, was verbindet uns, was machen wir für Erfahrungen…

Und eines mal vorweg, wenn nächstes Jahr unsere Zeit hier zu Ende geht, dann wird mir der Abschied so unheimlich schwer fallen, denn meine Meinung hat sich natürlich total geändert, zum Glück.


Wie ist das also nun bei uns in Frankreich – das Leben mit Kindern?

Ich denke, wie in jedem Land, gibt es auch hier in Frankreich Unterschiede wo, in welcher Region und Tradition man lebt.
Menschen und ihre Gewohnheiten sind sicher bei uns hier im Süden anders als vielleicht in der (Groß)Stadt oder auf dem Land.
Ich kann und möchte hier auch nur von meinen eigenen Erfahrungen sprechen, die wir in diesem Land und bei den Menschen hier gemacht haben.

Wir leben im Süden, 45 Minuten mit dem Auto nach Bordeaux und nur 800 Meter vom Strand an der Atlantikküste entfernt. Die Menschen hier in meiner Umgebung sind sehr entspannt und alles ist ein bisschen langsamer und ausgeglichener hier.

Kinderfreundlich?

Ich empfinde Frankreich als sehr kinderfreundlich. Nahezu in jedem Restaurant gibt es Kinderstühle und Kindermenüs. In Raststätten findet man kleine Kinder-Toiletten und extra Wickelbereiche und in fast allen Wartezonen auch Spielecken für die Kleinen. Wenn man mit seinen Kindern die Strasse überqueren möchte, muss man eigentlich nicht lange warten, das nächste Auto hält bestimmt an. (dafür kann man ohne Kind am Zebrastreifen stundenlang warten) Ein total schönes Erlebnis hatte ich hochschwanger hier im Supermarkt. Ich stand mit dem Löwenjungen in einer Schlange an der Kasse, da holte mich der Security (der hier in grösseren Supermärkten immer steht) aus der Schlange und brachte mich an eine Kasse, die dann extra wegen mir geöffnet wurde: es gibt hier nämlich  „Sonderkassen“ für Senioren, Menschen mit Handicap, Schwangere  und Kunden mit kleinen Kindern. Erst war mir das voll peinlich aber dann dachte ich, wow wie cool ist das denn? Da wird man als Schwangere aber echt toll behandelt! Was es hier kaum gibt sind Wickeltische in Männertoiletten. (sagt mein Mann :-))

Familienpolitik, Vereinbarkeit und Kinderbetreuung

Über was in vielen Ländern geschimpft wird scheint hier seit Jahren ganz gut zu funktionieren. Die Familienpolitik hat hier aber auch schon jahrzehntelang darauf hin gearbeitet.
Im Schnitt hat die französische Mutter mindestens 2 Kinder, bei der Steuer wird die Anzahl der Kinder berücksichtigt und sogar die Kosten für eine Tagesmutter oder auch die Putzfrau können anscheinend bis zu 50 Prozent steuerlich abgesetzt werden. (eine geniale Idee wie ich übrigens finde!)
Es ist hier also ein ganz normales Bild, dass die Karrierefrau morgens ihre 3 Kinder im Kostüm in die Ecole bringt und abends wieder abholt oder abholen lässt.

Eine Übersetzung für RABENMUTTER gibt es hier im Französischen übrigens nicht. Dafür nennt man so Mütter wie mich, die also den ganzen Tag bei ihren Kindern daheim ist: MERES POULES (Gluckenmama)

Kinderbetreuung für Kinder unter 3 Jahre

Mein Winterkind geht mit seinen 22 Monaten in keine Fremdbetreuung, aber wenn wir das wollten, wäre es in Frankreich vielleicht ein bisschen einfacher wie vielerorts in Deutschland.
Staatliche Krippenplätze (Creche) decken nur  etwa 30 Prozent des Bedarfes. Soweit ich weiss kann man sein Kind auch nur in so eine Creché geben, wenn beide Elternteile arbeiten gehen. Es gibt unterschiedliche Arten, staatlich oder auch von Eltern selbst organisiert.
Die Betreuung in der Créche ist im Vergleich zu Deutschland sehr günstig, man zahlt im Schnitt 2-3 Euro pro Stunde. Eine Bekannte erzählte mir, dass sie ihr Kind nicht in die Créche gibt, da sie dort die Kinder auch heim schicken könnten, wenn sie krank sind. Das ist bei berufstätigen Eltern nicht sehr gern gesehen und daher entscheiden sich viele für eine Tagesmutter. Von denen gibt es sehr viele. Diese sind dann auch vom Staat ausgebildet und werden auch immer wieder kontrolliert. Ab dem 2. Lebensmonat bis 3 Jahre sind die Kinder bei der Tagesmutter, in der Regel hat diese 2-3 Kinder (ich habe aber auch schon mehr gehört). Der Preis wird in einem Betreuungsvertrag festgelegt. Kosten sind ca. 3 Euro pro Stunde und etwa 3 für das Mittagessen, und nochmal in etwa 3 Euro für Material.
Dann gibt es hier in Frankreich noch die Nounou, der Babysitter der stundenweise die Kinder im elterlichen Haus betreut.
Was ich persönlich auch nicht kenne, aber hier in der Liste nicht fehlen darf, ist die Halte Garderie. Eine tolle Idee wie ich finde: vom Prinzip her eine Krippe aber die Plätze sind für Kinder wie mein Winterkind reserviert, deren Mütter nicht arbeiten gehen. Kinder ab 3 Monaten werden hier stundenweise betreut. Auch hier sind die Kosten mit 2-3 Euro relativ gering.

Kinderbetreuung ab 3 Jahre

Für Kinder ab 3 Jahren (manchmal sogar schon ab 2) gibt es einen Platz in der Ecole Maternelle. Diese „Vorschulen“ sind meist staatlich und kostenlos, bezahlt wird lediglich für die „Guarderie“ (also wenn das Kind vor und/oder nach der offiziellen Zeit von 8 Stundengebracht und betreut wird) und für das Mittagsessen in der Kantine.  (Monatlich kommen wir also für 1 Kind in der Ecole Maternelle auf nicht mal 100 Euro)

Mein Löwenjunge geht in so eine staatliche Ecole Maternelle und am Anfang war das sehr hart, denn mit unserem deutschen Kindergarten haben diese Vorschulen nun wirklich nicht viel gemeinsam: Stundenplan (auch wann sie alle auf Toilette gehen uns so weiter), frontaler Unterricht und es wird sehr grossen Wert auf Disziplin und Ordnung gelegt.
Was ich hier am Meisten vermisse, sind das freie Spielen, Bewegung an der frischen Luft aber auch das Vermitteln von anderen Werten, sozialen Kompetenzen, das Für- und Miteinander der Kinder. Rituale. Das kommt meiner Meinung nach zu kurz hier. (Wer dazu mehr lesen möchte, ich habe hier ausführlich über unsere Erfahrungen in der Ecole Maternelle berichtet.)

Mittlerweile haben wir es aber akzeptiert wie es ist, da es sich für uns eh nicht ändern lässt.
Der Löwenjunge geht endlich auch gerne hin und hat Spass an den Arbeitsblättern (Travaille) die sie für Zahlen und Buchstaben so durcharbeiten.

Einmal die Woche fahren sie zum Turnen und ab Januar hat er einmal die Woche einen Schwimmkurs, die Kosten für den Bus und den Schwimkursübernimmt die Stadt.

Allerdings lasse ich ihn auch nicht an allen Tagen die vollen 8 Stunden dort, sondern hole ihn an 3 Tagen schon Mittags ab, damit er mit seinen 5 Jahren auch noch ein bisschen mehr Kind sein darf, buddeln, basteln, baden, Fahrrad fahren. Ich bin zu Hause und kann ihm diesen Luxus gönnen.

Spielplätze und Freizeit

Spielplätze haben wir hier in unserer Nähe eigentlich ausreichend und auch sehr schöne, diese sind ab 16:30 Uhr (da ist in der Regel die EcoleMaternelle aus) dann auch gut besucht. Bei schönem Wetter trifft man sich eigentlichmeistens am Spielplatz, weil die Kinder ja in der Ecole keine Zeit für austoben an der frischen Luft hatten. (Pause im Pausenhof bei uns morgens und nachmittags je 20 Minuten) Auch Indoor-Spielplätze und Freizeitparks gibt es hier zu erkunden.

Mein Fazit nach 2 Jahren Frankreich?

Frankreich ist meiner Meinung nach kinderfreundlicher als Deutschland. Das Thema Kindergarten ist bei mir ein wunder Punkt, weil ich es einfach anders kenne. Die Franzosen stehen aber grösstenteils hinter ihrem System.
Was ich gar nicht gut finde, hier wird sehr gerne auch mal ein Klaps gegeben oder am Ohr gezogen, zum Glück habe ich das nie vom Kindergarten gehört, denn das wäre für mich ein Grund sofort zu handeln und ihn da raus zu holen.Vielleicht haben wir auch besonderes Glück mit unserer Ecole und den Lehrern, ich habe nämlich auch von Vorschulen gehört, die sehr streng und lieblos umgegangen sind. Als Familie fühlen wir uns hier unheimlich wohl und wir werden so einiges vermissen, wenn wir wieder nach Deutschland zurück kehren. Dass mein Winterkind aber einen „normalen“ Kindergarten mit Bauecke und Stuhlkreis, Klettergerüst, Herbstliedern und Laternenumzug besuchen wird, das freut mich unheimlich. (Auf Twitter lese ich immer von den berühmt berüchtigten Elternsprechtagen und ich freue mich schon wahnsinnig drauf, mal so einen zu besuchen und mir auf den Ministühlen Wadenkrämpfe zu holen ;-))In diesem Sinne, bis Bald und a bientot!

Vielen Dank, liebe Tanja!

Bereits mitgemacht an dieser Reihe haben die Bloggerin Séverine von Mama on the Rocks aus der Schweiz und meine Freundin Renate in Sidney. Hier findet Ihr die entsprechenden Beiträge:

Schweiz
Sydney

3 Kommentare

  1. Hallo Tanja, ich freue mich auch, dass Du dabei bist! Mir gefällt das Oktoberprojekt auch sehr gut und ich finde es interessant, welche Unterschiede es gibt. Ich bin schon gespannt, wie der nächste Gastbeitrag ankommt 🙂

  2. sehr schöner Beitrag 🙂 Meine Freundin ist Französin und hat auch direkt nach der Geburt wieder arbeiten müssen. Zuerst war die Betreuung mit Tagesmutter, so wie Du e es beschreibst, dann mit 3 in die Ecole Maternelle. Auch sie hatte grosse Mühe mit dem Wechsel und dem Klima in der Ecole. Mittlerweile ist die Tochter 3 und es klappt ganz gut.

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