Wie ist das eigentlich bei Euch?
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Wie ist das eigentlich bei Euch? Juni 2015

Der Juni ist schon fast wieder rum und mir ist aufgefallen, dass ich noch gar nicht den extra reservierten Beitrag meiner Auslandsserie veröffentlicht habe! Passend zum britischen Nachwuchs namens Charlotte Diana Elizabeth präsentiere ich Euch heute die Antworten von Uta aus London. Auch sie habe ich via Twitter kennengelernt. Schon der Name ihres Blogs Berlondon-Mama lässt erahnen, dass man es hier mit der britischen Insel zu tun bekommt.

Ganz ehrlich, meine Erinnerung an London bzw. England und Kindern ist folgende: Ich sehe eine Nanny an der Themse mit 5 Kindern an der Leine. Ehrlich, ich schwöre, so habe ich es gesehen. Da war ich selbst noch zarte 15. Aber ich fand es auch damals schon ganz scheußlich. Heute als Mutter natürlich mehr, denn je. Daher freue ich mich sehr darüber, dass Uta sich die Zeit genommen hat und vom Leben mit Kindern in Großbritannien bei mir berichtet! Viel Spaß beim Lesen- übrigens hat Uta gleich einen tollen Tipp für eine Reise nach London mit Kindern mitgeliefert. Das ist doch toll, oder? Viel Spaß beim Lesen 😉

Eine kurze Vorstellung – das bin ich:

Ich heiße Uta, bin 34 Jahre alt und lebe mit meinem Mann und meinen beiden Töchtern (geboren 10.2010 und 7.2013) in London. London ist unsere „2. Auslandsstation“. Von 2011 – 2013 haben wir in Hong Kong gelebt, was eine im Nachhinein zwar äußerst interessante Erfahrung war, allerdings war ich auch froh, als wir wieder näher an die geliebte Heimat gezogen sind!

Seit meine Kleine eine Zeit lang halbwegs durchschlief, habe ich mir angefangen darüber Gedanken zu machen, was ich mit meinem „Potpourri an Arbeitserfahrung“ in London machen könnte. Auf Jobanzeigen die halbwegs zu mir passten, wurde sehr oft Erfahrung mit Content Management Systemen/ WordPress verlangt. Eigentlich dadurch bin ich auf die Idee gekommen, einen eigenen Blog zu schreiben. Früher habe ich gerne Tagebuch geschrieben, aber dazu bin ich schon seit Jahren nicht mehr gekommen. So war die Idee geboren und ich habe mich – über YouTube Tutorials – in WordPress eingearbeitet und konnte gleichzeitig unser doch recht abwechslungsreiches Leben für uns selbst, aber auch für Freunde und eine wachsende Fangemeinde meines Blogs, festhalten.

In erster Linie ist www.berlondon-mama.de ein Mama Blog, in dem ich über unser Familienleben zwischen London und Berlin, wo wir immer sehr gerne die Familie besuchen, berichte. Natürlich dürfen da Kuriositäten und andere Beobachtungen, die man als Deutsche in England macht, nicht fehlen 🙂

Uta in London

 

Wie kinderfreundlich ist die Stadt, das Land?

Ich finde, dass das in London sehr unterschiedlich ist.

Wenn man mal Restaurants betrachtet, haben die meisten Restaurant und Café-Ketten Hochstühle und Behindertentoiletten, in denen sich ein Wickeltisch befindet. In Business-Gegenden in der City hingegen gibt es nicht sehr viele kinderfreundliche Restaurants. Als wir uns mal zum Mittagessen in einem Japanischen Restaurant mit 2 Kindern unter die „Anzugträger“ gemischt hatten, und ich dann dort auch noch stillen musste, kam das alles andere als gut an 😉

Die meisten Londoner sind allerdings sehr kinderfreundlich. Das liegt ja allein schon an der britischen Höflichkeit, die ein „anderes Verhalten“ wohl nicht gestatten würde. Allerdings würde ich auch nicht den Versuch wagen und morgens einmal zur Rush-Hour mit Kinderwagen in einen ohnehin schon völlig überfüllten Zug steigen wollen. Da vergessen nämlich auch die Briten gerne mal ihre „Politeness“ und es wird doch ganz schön um die Sitzplätze gerangelt.

Was aber wirklich schlimm an London ist, sind die – sehr veralteten – U-Bahnhöfe! Nur in wenigen Fällen gibt es Rolltreppen, noch seltenen gibt es Fahrstühle und so ist man mit Kinderwagen entweder dazu verdammt, jemanden um Hilfe bitten zu müssen, oder man vermeidet es, U-Bahn zu fahren und nimmt den Bus. Allerdings steht man in London fast andauernd im Stau, so dass das auch nicht gerade die geschickteste Lösung ist.

Gibt es viele Spielplätze?

Ich finde, die Spielplatzdichte ist hier nicht sehr hoch. Zumindest bin ich aus unserer Ecke in Berlin mehr Spielplätze gewöhnt und mit „natürlicheren“ Materialien. Hier gibt es fast ausschließlich Eisen-Klettergerüste und der Bodenbelag ist meist so ein Gummizeug wie auf einer Tartanbahn. Was ich allerdings als Mutter an londoner Spielplätzen ganz nett finde ist die Tatsache, dass diese alle umzäunt sind und es meistens nur 1-2 Ausgänge gibt, die mit einer Tür zugemacht werden. So kann ich die Große etwas freier laufen lassen während ich mit der Kleinen den Spielplatz erkunde.

Die meisten Spielplätze haben hier leider auch keine Buddelkisten. Das ist ja irgendwie ein MUSS auf deutschen Spielplätzen.

Viel mehr als auf Spielplätze geht man hier eigentlich in die überwiegend sehr gepflegten Parks. Diese haben meistens asphaltierte Wege, auf denen die Kinder mit ihren Scootern (Roller mit 2 parallelen Rädern vorne), Laufrädern, Inlineskates und Fahrrädern rumheizen. Da braucht es dann eigentlich gar keine Spielplatzgeräte, denn es lässt sich ja auch prima auf die Bäume klettern oder mit den anderen Kindern Fangen oder Verstecken spielen.

Jedem Londonbesucher mit Kindern empfehle ich allerdings den Besuch des Princess Diana Memorial Playgrounds im Kensington Garden! Der ist wirklich genial, einfach nur riesig, mit natürlichen Materialien und sehr phantasievoller Gestaltung. Es gibt neben einem riesen Piratenschiff eine tolle Wasserlandschaft, einen Musikbereich eine Baumhaus-Kleinstadt für kleinere Kinder und vieles mehr. Der Eintritt ist kostenlos und für das leibliche Wohl sorgt ein Kiosk anbei.

Gibt es viele Angebote für Kinder?

Ja, sehr viele. Für alle Altersklassen finden sich verschiedenste Kursangebote was Musik, Sport, Basteln, Schwimmen usw. angeht.

Ich habe das Gefühl, viele Londoner können die frühkindliche Förderung nicht früh genug beginnen und so halte ich einige Angebote für etwas übertrieben. Es gibt hier zum Beispiel auch Baby-Spas – für angehende Top-Manager vermutlich – wo schon Neugeborene mit Schaumstoff-Kragen um dem Hals schwerelos in pupswarmen Waschbecken plantschen, anschließend mit teuren Ölen eingesalbt und massiert werden und am Ende natürlich tiefenentspannt zur Mutter zurück gegeben werden. So ein Spa-„Tag“ kostet soweit ich weiß über 100 Euro. Verrückt…

Aber es gibt auch viele erschwingliche oder sogar kostenlose Angebote, wie Vorlese- und Musikstunden in öffentlichen Bibliotheken oder Spielgruppen, die in Kirchen organisiert werden.

Ist es einfach, einen Babysitter zu finden?

Das kommt ein bißchen darauf an, ob man die teurere aber sicherere Variante über eine Babysitteragentur wählt, oder selbst auf den einschlägigen Internetseiten inseriert oder sich dort auf die Suche nach verfügbaren Babysittern macht.

Wir selber haben unsere Babysitter meist über Bekannte empfohlen bekommen. In London ist das Modell mit AuPairs sehr beliebt, weil eine Nanny meistens einfach das Arbeitengehen eines der Partner überflüssig macht, weil das gerade verdiente Geld praktisch direkt an die Nanny weitergereicht werden kann.

AuPairs sind natürlich sehr viel günstiger, weshalb es in unserer Gegend sehr viele gibt, und dieser freuen sich, wenn sie ab und an zusätzlich auch noch mal auf andere Kinder aufpassen können.

Aber jetzt haben wir ja selbst unser AuPair, so dass wir kaum mehr auf einen anderen Babysitter zurückgreifen müssen.

Wie sehen die Betreuungsmöglichkeiten aus?

Deutlich anders als in Deutschland und ich wenn in Deutschland jemand über Kitas meckert ist das für mich mittlerweile meckern „auf höchstem Niveau“!

In England gibt es für sozial schwache Familien die Möglichkeit, Kinder schon ab zwei Jahren 15 Stunden pro Woche auf Staatskosten betreuen zu lassen. Normalerweise ist das aber erst der Fall ab drei Jahren! Und dann auch nur 15 Stunden in der Woche! Alles unter 3 Jahren sowie mehr als 3 Stunden täglich ist Privatsache und muss von den Eltern selbst bezahlt werden.

Wenn die Mütter wieder arbeiten gehen wollen, versuchen sie meistens, die Kinder in einem privaten Kindergarten unter zu bringen, die die Babys in der Regel ab 6, manchmal auch schon ab 3 Monaten, aufnehmen. Für einen Vollzeitplatz in Zone 3 in Südwest-London zahlt man ca. 23.000€ im Jahr! Das muss man erst einmal verdienen!

Günstigere Alternativen sind Tagesmütter (Childminder) oder ein Nanny-Sharing, bei dem man sich mit einer anderen Familie die Nanny teilt.

Es gibt wirklich viele verschiedene Möglichkeiten, in London seine Kinder unter zu bringen. Leider sind sie meistens mit sehr hohen Kosten verbunden.

Gehen in der Regel beide Elternteile arbeiten? Wie ist die Arbeitsverteilung bei den Eltern? Wie ist die gesellschaftliche Meinung diesbezüglich?

Aufgrund dessen, dass das Leben in London sehr teuer ist, kenne ich überwiegend Familien, wo beide arbeiten gehen. Auch wenn das in den meisten Fällen bei den Müttern Teilzeit-Stellen sind. Es gibt – wenn auch selten – den Fall, wo die Mutter arbeitet und der Vater zu Hause ist, aber im weitaus überwiegenden Anteil sind es doch die Mütter, die die Karriere aufgeben/verschieben und sich hauptsächlich um die Kinder kümmern. Da der Mutterschutz nur 3 Monate nach der Geburt gilt, gibt es weder eine mit Deutschland vergleichbare Elternzeit für die Mütter, noch irgendeine Möglichkeit, dass die Väter eine Zeit lang bezahlten Urlaub nehmen.

So richtig beschweren tut sich glaube ich kaum jemand über die Situation, auch wenn ich mit den Beschreibungen über das Elternzeit-Modell in Deutschland öfter mal sehnsüchtige Blicke von Briten ernte.

Bist Du glücklich mit der Situation? Wie ist ein Vergleich mit Deutschland?

Ich und wir alle fühlen uns wirklich sehr wohl in London und haben auch vor, die nächsten paar Jahre hier zu bleiben. Ich mag es einfach, wenn alle um einen herum Englisch sprechen. Ich bin hier viel neugieriger und schaue mich sehr viel genauer um, wenn ich irgendwo unterwegs bin. Ich lese auch alles Mögliche im Vorbeigehen, was ich in Deutschland vermutlich gar nicht so machen würde, weil man die Hinweisschilder oder sonstiges schon hunderte Male gelesen hat oder Dinge schon aus dem Augenwinkel wiedererkennt, so dass man sich gar nicht mehr so genau umschaut.

Hier lerne ich zum Beispiel auch fast jede Woche irgendwelche neuen Menschen kennen, mit denen ich mich gerne unterhalte. Meistens komme ich doch am schnellsten mit Deutschen ins Gespräch und finde es auch immer sehr spannend, einen kleinen Einblick in ihr Leben und ihren Werdegang in London zu erfahren. Ich finde es auch total nett, dass man im Ausland eigentlich mit allen Deutschen gleich per „Du“ ist, egal ob sie 10, 20 oder 30 Jahre älter sind als man selbst. Das liegt wohl daran, dass die meisten einfach das hier übliche Verhalten übernehmen und sich an der Arbeit und Privat sofort beim Vornamen nennt. Und „Entschuldigung, Sandra, könnten Sie mir bitte eben kurz…“ Hört sich dann ja nun wirklich voll daneben an 😉

So sehr ich mich hier auch wohlfühle, gibt es immer wieder Situationen, wo ich Vergleiche mit Deutschland ziehe und Deutschland sehr vermisse! Zum Beispiel das deutsche Gesundheitssystem! Ich glaube, dass man es erst so richtig zu schätzen lernt, wenn man mal das Gesundheitssystem anderer Länder hautnah erlebt hat. Mein Paradebeispiel sind immer die Vorsorgeuntersuchungen. Für Kinder gibt es die nach der Geburt, dann wieder um den ersten Geburtstag herum und dann noch mal um den zweiten und das war es dann auch schon so fast. Geleitet werden diese „Development Checks“ von Health-Visitor-Damen, die manchmal zuvor Hebammen waren, manchmal aber auch etwas ganz anderes gemacht haben und dann ein „Health-Visitor-Training“ absolviert haben.

Das andere sind die Krebsvorsorgen bei Frauen: Krebsabstriche werden vor dem 25 Lebensjahr gar nicht gemacht, danach alle 3 Jahre bis zum Alter von 50 Jahren, danach bis 65 nur noch alle 5 Jahre. Ab 65 sind solche Abstriche im NHS (National Health Service) nicht mehr vorgesehen. Für diese Abstriche geht man zu einer Nurse und Brustabtasten gehört in England überhaupt nicht zur Krebsvorsorge. Das kann ja schließlich jeder selbst machen, so die Antwort meiner ganz „speziellen Nurse-Freundin“…

Gott-sei-Dank hatten wir noch nie etwas schlimmeres, und ich bin mir sicher, wenn man eine schlimme Diagnose bekommt, wird auch das NHS seinen knappen Geldbeutel lockern und einem eine gute Behandlungen zukommen lassen. Aber dafür müssen Krankheiten halt durch Routine-Vorsorgen auch erkannt werden und nicht unbedingt erst, wenn sich schon die offensichtlichen Symptome zeigen!

Uta mit ihren 2 Töchtern plus Besuchskind unterwegs

 Vielen  lieben Dank, liebe Uta, dass Du Dir die Zeit genommen und meine Fragen beantwortet hast!

Bereits mitgemacht an dieser Reihe haben die Bloggerin Séverine von Mama on the Rocks aus der Schweiz, meine Freundin Renate in Sidney, Tanja vom Blog Tafjora- eine deutsche Familie in Frankreich aus Frankreich, Bloggerin Anne vom Blog Die Wüste & Ich aus Dubai und Nadine vom Blog Buntraum aus Wien, Dajana vom Blog Mit Kinderaugen, die eine Zeit in den USA verbracht hat und Lara vom Blog Dreaming Today, die in Finnland lebt. Im April hat mir Susanne, die in Andalusien lebt, meine Fragen beantwortet. Ihr Blog heißt Andalusienmutti. Im Mai war Kristine von Importkaaskopp dran, sie lebt in den Niederlanden. Hier geht es zu den entsprechenden Beiträgen: Schweiz Sydney Frankreich Dubai Wien  USA Finnland Spanien Land der Kaasköppe

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