Ausland, Erfahrung, Wie ist das eigentlich bei Euch?
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Wie ist das eigentlich bei Euch? Januar 2015

Bereits letztes Jahr im Rahmen des Oktoberprojekts meiner Projektreihe habe ich vier Mamas im Ausland die Frage gestellt: „Wie ist das eigentlich bei Euch?“. In diesem Rahmen haben die Bloggerin Séverine von Mama on the Rocks aus der Schweiz, meine Freundin Renate in Sidney, Tanja vom Blog Tafjora- eine deutsche Familie in Frankreich aus Frankreich und Bloggerin Anne vom Blog Die Wüste & Ich aus Dubai von ihrem Leben im Ausland mit Kindern berichtet. Hier geht es zu den entsprechenden Beiträgen:

Schweiz
Sydney
Frankreich
Dubai

Diese Erfahrungsberichte sind sehr gut bei Euch angekommen. So gut, dass ich mir überlegt habe, daraus eine regelmäßige Rubrik hier bei Mama Schulze zu machen. Daher wird zukünftig einmal im Monat eine Mama im Ausland von ihrem Leben berichten, stets unter der Frage: „Wie ist das eigentlich bei Euch?“ Alle Beiträge findet Ihr auch unter dieser Frage im Schlagwortkatalog in der rechten Leiste. 

Ich freue mich heute ganz besonders, dass Nadine vom Blog Buntraum uns von ihrem Leben in Wien berichtet. Warum ich mich so freue? Meine beste Freundin und Papa Schulze werden jetzt die Augen rollen, weil ich das immer mal betone, auch wenn es gar nicht passt: Ich bin nämlich Österreicherin. Nein, ich habe noch nie in Österreich gelebt. Ich habe die österreichische Staatsangehörigkeit nur, weil mein Vater Österreicher ist und diese automatisch übertragen wird. Somit sind auch die Schnecken Österreicherinnen. Aber ich finde es voll cool! Leider sind die Österreicher ja keine begnadeten Fußballspieler, sodass ich das da nie anmerken kann. 

Nadine und ihr Blog Buntraum habe ich über Twitter kennengelernt, wo sie ebenfalls aktiv ist (@buntraum). Sie schreibt auf ihrem Blog über ihr Leben und ihre Ansichten. Daneben ist sie als Familienberaterin tätig. Sie hat zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Und hier kommt ihr Beitrag:


Nadines Kinder

Wien – Tauben vergiften im Park
Ich lebe mit meinem Mann und unseren 2 Kindern (4,5 und 2 Jahre) in Wien. Wir lebten vorher ein Jahr kinderlos in Wien, nachdem wir von Edinburgh hier hergezogen sind. Mein Mann ist ursprünglich Wiener, was uns auch auf diesen Weg lockte, als wir überlegten, wohin wir gehen wollten, um Schottland den Rücken zu kehren. 

Wir lebten damals ziemlich gut im 4. Bezirk, nahe der Oper, die wir beide sehr lieben, nahe dem Naschmarkt, der sich für besondere Köstlichkeiten eignet und umgeben von netten Lokalen, in denen wir abends oft mit Freunden saßen. Öffentlich waren wir mit Bus, Straßenbahn und U-Bahn sehr gut angebunden. Perfekt. 
2010 wurde unser Sohn geboren und schon bald bemerkte ich, dass die Vorzüge, die der 4. Bezirk bot, nun gar nicht mehr so wichtig waren. Es fehlte Raum zum Spazieren, die Lokale waren wenig kinderfreundlich und der Naschmarkt mit Kinderwagen die reinste Katastrophe. Totz der U-Bahn und Straßenbahn um die Ecke, waren wir recht weit entfernt von den großen Parks, was für einen kurzen gemütlichen Spaziergang unter der Woche einfach zu aufwändig war. Unsere Bedürfnisse hatten sich gewandelt. 

Und so hat Wien zwar recht viele und schöne Grünflächen, aber, wenn man nicht in der Nähe einer solchen wohnt, ist es mit Kindern anstrengend. Spätestens als Herr Klein gehen konnte, eigentlich mehr flitzen wollte oder aufs Laufrad stieg, war die Innenstadt ein nervlicher Alptraum. Die Gehsteige sind schmal, die Straßen sehr befahren. 
Jetzt wohnen wir seit einem Jahr im 2. Bezirk direkt an einem Park, vor unserem Haus ist die Fußgängerzone und ich habe manchmal mit zwei flitzenden Kindern das Gefühl, im Paradies zu sein, im Gegensatz zu dem Stress der befahrenen Straßen vorher. 

Wien ist schon kindertauglich. Man muss nur die kinderuntauglichen Gegenden meiden. 

Kinderbetreuungsgeld
Nach der Geburt hat man 5 verschiedene Karenzmodelle zur Auswahl, die alle unterschiedlich lang dauern und entsprechend unterschiedlich hohe Beträge auszahlen. Je länger man bei den Kindern zu Hause bleibt, umso weniger bekommt man pro Monat. Das kürzeste Modell ist 12 Monate (+2 Monate, wenn auch der Vater einen Teil in Karenz geht). Das längste Modell ist 30 Monate (+6 Monate bei Teilung). 
Hier wird natürlich schon klar entschieden, was wichtiger ist: will ich lange daheim bleiben, nehme ich geringere Beträge in Kauf. Das hängt also auch vom Einkommen der gesamten Familie ab. Ich bin generell ganz zufrieden mit den Karenzmodellen in Wien. Ich denke, dass es sehr familienfreundlich ist, dass man überhaupt grundsätzlich mal ein Jahr daheim bleiben kann auch bei der kürzesten Variante. In vielen anderen Ländern sind diese Karenzzeiten viel kürzer. Ich war bei unserem ersten Kind ein Jahr daheim und mein Mann dann noch 2 Monate. Beim 2. Kind war es für meinen Mann schon nicht mehr möglich, daheim zu bleiben, weil wir dann finanziell nicht ausgekommen wären. Weil ein Umstieg von seinem Gehalt auf einen Karenzbetrag auch für wenige Monate für uns nicht mehr tragbar gewesen wäre. Wir wählten dieses Mal dafür ein längeres Modell, was mir zwar weniger Geld im Monat gab, aber dafür länger und mehr Zeit, mich selbst umzustellen, weil ich nicht in meinen alten Job zurück wollte. 

Kinderbetreuung
Die Kinderbetreuung ist ein schwieriges Thema. Es gibt eindeutig viel zu wenige Krippenplätze für den hiesigen Bedarf. Tagesmütter gibt es viele, aber eine für sich persönlich passende zu finden, braucht Zeit und Geduld. Viele sind schon Jahre im Voraus ausgebucht. 
Es gab den Anspruch der Stadt Wien, innerhalb eines Jahres genügend Krippenplätze für alls Kinder zu schaffen. Das war sehr ambitioniert, doch leider wurde hier mehr Fokus auf Quantität als auf Qualität gelegt. 

Ich persönlich bin durch meine Piklerausbildung sehr sensibilisiert was die Qualität der Kinderbetreuung in öffentlichen Einrichtungen angeht. Die Suche nach Privatkindergärten ist jedoch auch eine Herausforderung. Unser Sohn hat einmal gewechselt, was unser Wunsch war. Nun hat er sich gut eingelebt und wird die nächsten 1,5 Jahre in diesem Kindergarten bleiben. Für unsere Tochter suchen wir gerade einen Kindergartenplatz. Ich bin froh, dass ich sie zwei Jahre zu Hause behalten habe. Meine Einstellung zum Thema Fremdbetreuung hat sich in den letzten drei Jahren stark gewandelt. Und ich bin dankbar, dass beides möglich war, weil zu dem jeweiligen Zeitpunkt das eine oder das andere sehr wichtig war. 

Was auch geholfen hat – nicht nur mir, sondern auch Bekannten – ist die Möglichkeit der Bildungskarenz. Das läuft über eine Vereinbarung mit dem Arbeitgeber und gibt die Möglichkeit, noch etwas länger in Karenz zu bleiben und nebenher eine Aus- und Weiterbildung zu absolvieren. Auf die Art habe ich auch die Piklerausbildung und auch die Montessoriausbildung begonnen. 

Generell ist das Leben mit Kindern in Wien schon recht lebenswert. Es gibt auf jeden Fall viele Möglichkeiten, mit den Kindern unterwegs und draußen zu sein, es gibt natürlich spannende Museen und Veranstaltungen, Puppentheater und sonstiges. Der riesige Zoo ist der Hit und seine Jahreskarte auf jeden Fall seinen Preis wert. Am Ende kann man immer noch ganz wienerisch und im Sinne Georg Kreislers „Tauben vergiften im Park“ gehen. 

Wir selbst leben noch einmal besonders, weil wir in einem Gemeinschaftswohnprojekt wohnen, in dem wir alle Menschen kennen und mit ihnen gemeinsam das Haus gestaltet haben und beleben. Die Kinder kennen sich alle udn man kann sich vieles aufteilen und erleichtern. Ich merke, dass mir die Karenzzeit, seitdem wir hier im Haus leben, viel leichter fällt. Weil ich nicht mehr allein mit dem Kind im Altbau im 3. Stock ohne Lift hocke, sondern stattdessen umgeben bin von Menschen, von anderen Müttern und Kindern und mir so vieles aufteilen und erleichtern kann. 
Diese Art von Wohnen kann ich aus meiner Perspektive nur jedem empfehlen. 

Ich empfinde Wien als kionder- und familienfreundlich. Die paar genervten „Grantscherben“ da draußen, die hat man in Berlin, Paris, London etc. genauso. Und mich hat als Kinderlose auch so einiges gestört, worüber ich heute müde lächle. Ich betrachte die unfreundlichen Gesichter nicht so sehr, sondern bleibe bei Georg Keisler: „Wie schön wäre Wien ohne Wiener…“

Vielen lieben Dank, Nadine, 

dass Du mitgemacht und uns von Deinem Leben in Wien berichtet hast 😉

5 Kommentare

  1. Anja sagt

    Hey, das Wohnprojekt hört sich spannend an! Ich frage mich darüber hinaus, was ein Kindergartenplatz in Österreich kostet? Viele liebe Grüße, A.

  2. Hi Anja, städtische Kindergartenplätze sind gratis. Da bezahlt man nur das Essen. Sind so um die €60 im Monat. Bei privaten ist es ganz verschieden. von €100 bis oben offen alles möglich. Wir selbst zahlen €160 pro Kind im privaten. Lg, Nadine

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