Ausland, Erfahrung, Wie ist das eigentlich bei Euch?
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Wie ist das eigentlich bei Euch? April 2015

Heute geht es mit meiner Reihe „Wie ist das eigentlich bei Euch“ weiter. Ich freue mich, diesmal einen Erfahrungsbericht aus Spanien präsentieren zu können. Denn ich kenne Spanien ehrlich gesagt nur von Urlauben. Umso interessanter ist es, zu erfahren, wie es sich dort mit Kind lebt. Der Bericht stammt von Susanne, die als Andalusienmutti fleißig bloggt und auch twittert. Über diese beiden Kanäle habe ich sie auch kennengelernt :-). Ich schaue immer mal bei ihr voller Neid vorbei, denn sie scheut sich natürlich nicht, uns mit sonnigen Fotos aus ihrer neuen Heimat zu beglücken. Manchmal mit Kulturschock inklusive, zum Beispiel zu Ostern. Denn das hat in Andalusien noch einen ganz anderen Stellenwert als vielerorts hier in Deutschland. Viel Kitsch ist dann auch dabei.

Liebe Susanne, sag mal, wie ist das eigentlich bei Euch?

Eine kurze Vorstellung – das bin ich:

Ich bin Susanne, 33 Jahre alt und Mama eines im Moment 22. Monate alten Mädchens. Seit neun Jahren lebe ich in Andalusien, ganz unten am südlichsten Zipfel, an guten Tagen kann man bis nach Marokko schauen. Ich arbeite hauptberuflich für eine deutsche Wochenzeitung hier an der Küste, denn ich bin nicht die einzige Deutsche hier. Die deutschen Residenten haben Gefallen an der Gegend gefunden, doch bei uns im Dorf kenne ich nur zwei deutsche Familien. Der Mann ist Spanier und hier im Dorf geboren, auch seine Eltern wohnen hier, was manchmal einiges erleichtert, manchmal auch etwas anstrengend sein kann. Seit Dezember 2014 bin ich als AndalusienMutti am Start, ich hatte Lust, mir auch einmal einiges von der Seele zu reden. Seit wir ein Kind haben ist mir erst richtig aufgefallen, dass die spanische und deutsche Sichtweise, was Erziehung angeht, doch manchmal sehr sehr unterschiedlich ist.

Wie kinderfreundlich ist die Stadt, das Land?

Was die Spanier als Menschen angeht, sind sie ausgesprochen kinderfreundlich. Gerade bei uns im Dorf bleiben alle stets und ständig stehen, um mit dem Kind herumzualbern, manchmal auch zu meinem Ärger Süßigkeiten anzubieten und so weiter. Besonders ältere Menschen lieben Kinder und betütteln sie ordentlich.

Andalusische Süßigkeiten

Andalusische Süßigkeiten

Politisch gesehen finde ich herrscht hier doch einiger Mangel. Das geht los bei der sehr begrenzten Mutterschaftszeit, es sind gerade einmal 16 Wochen, danach muss Frau, wenn sie denn arbeiten geht, wieder ins Berufsleben. Finanzielle Unterstützung gibt es nur für arbeitende Mütter, das sind 100 Euro im Monat bis das Kind drei Jahre alt ist. Ansonsten ist mir nicht bekannt, dass Eltern Kindergeld bekommen. Die Arbeitszeiten hierzulande machen es auch nicht einfach, ein Kind zu haben. Meist wird von 10 Uhr bis 14 Uhr und dann noch einmal von 17 Uhr bis 21 Uhr gearbeitet. Es liegt eine sehr lange Mittagspause dazwischen. Geschäfte schließen beispielsweise um diese Uhrzeit komplett. Ich kenne sogar Beispiele von Freunden, die noch früher anfangen, länger pausieren und noch später nach Hause kommen. Wer Kinder hat, muss ihnen also gezwungenermaßen für nachmittags eine Betreuung suchen, oder nur halbtags oder gar nicht arbeiten. Ohne die Großeltern würde hier nichts laufen. Ich habe Glück, meine Chefin ist Deutsche und findet die Arbeitszeiten auch eher suboptimal und ist eh viel offener. Ich darf viermal die Woche im Homeoffice arbeiten und muss nur einmal die Woche bis spät ins Büro, wobei wir auch nur 1 Stunde Mittag machen, in der wir Kollegen alle gemeinsam Essen gehen. An diesem Tag holen meine Schwiegereltern meine Tochter von der Kinderkrippe ab und betreuen sie. Sie freuen sich immer sehr auf diesen Tag und das ist ja auch schön. Auch städtebaulich gibt es hier noch viele Barrieren, wenn man mit Kinderwagen unterwegs ist. Bei uns im Dorf gibt es viele stellen, an denen nicht einmal ein Fußweg existiert. Das kann manchmal ganz schön gefährlich sein und ist wahrlich nicht kinderfreundlich.

Wie ist der Eindruck, wenn man auswärts essen geht?

Andalusier gehen gerne auswärts essen, es ist auch nicht so teuer wie in Deutschland. Kinder werden dabei gerne mitgenommen und in den Kinderwagen gesetzt. Das kann im Sommer auch bis 2 Uhr nachts sein, hab ich alles schon gesehen! Gerne wird ihnen dann auch ein elektronisches Kleingerät in die Hände gedrückt, das Filme abspielt oder wilde, laute Töne von sich gibt, damit die Eltern in Ruhe essen können, während das Kind ja beschäftigt ist. Das ist so ein Beispiel von Kindererziehung, das mich erschaudern lässt. Ich würde nie auf die Idee kommen, erstens bis spät nachts mit dem Minimensch im Restaurant zu sitzen, dafür brauche auch ich mittlerweile viel zu sehr meinen Schönheitsschlaf. Doch dazu auch noch Handys und ähnliche Dinge dem Kind zu reichen, damit es ruhig gestellt ist, finde ich grausig. Ich will das nicht!

Gibt es viele Spielplätze?

Spielplätze gibt es, aber nicht alle sind wirklich toll. Bei uns im Dorf gibt es zwei, davon ist einer unbrauchbar, weil er für die Jugendlichen als Rumlungerplatz dient und auch so aussieht. Der andere wurde erst letztes Jahr um drei Schaukeln und ein kleines Trampolin erweitert. Es dauerte nicht lange, dann war auch dieser Platz wieder dreckig. Das Trampolin zum Beispiel ist so eine Art Gummigitter, auf das sich die Kinder stellen und hopsen können. Sehr schöne Idee, wenn es nicht zur Müllhalde umfunktioniert werden würde. Die kleinen Menschen werfen jeglichen Müll durch das Gitter, meist schauen die Eltern dabei zu oder kriegen es erst gar nicht mit. Viele Mütter sitzen auf den Bänken, unterhalten sich und stopfen Sachen wie Chips oder Salzgebäck in sich rein, so dass sie gar nicht mitbekommen, was die Kinder so treiben. Generell haben es die Andalusier nicht so mit dem Umweltbewusstsein, das merkt man eindeutig auch auf den Spielflächen. Leider.

Spielplatz, den Susanne öfter mit ihrer Tochter besucht

Spielplatz, den Susanne öfter mit ihrer Tochter besucht

Gibt es viele Angebote für Kinder?

Angebote für Kinder gibt es jede Menge. Kinder werden wahnsinnig gefördert, ich habe manchmal den Eindruck, hier will man etwas aufholen, was lange Zeit vernachlässigt wurde. Es ist ein bisschen zu viel des Guten. Fußball, Schwimmen, Reiten, Tanzen, Schach und Sprachen, das sind so die gängigen Kurse. Hinzu kommen das Spielen eines Instrumentes in der städtischen oder dörflichen Musikkapelle und die Teilnahme am Religionsunterricht in der Kirche. Meine Nachbarin ist den gesamten Nachmittag damit beschäftigt, ihre siebenjährige Tochter zu allen möglichen Aktivitäten zu fahren. Ich glaube, das Kind ist nicht einen Nachmittag zu Hause. Ich selber gehe mit meiner Tochter zwei Mal die Woche zum Schwimmen, das ist im Moment noch eine wunderschöne Mutter-Tochter-Aktivität. Sie ist ja noch recht klein und so gehe ich mit ihr ins Wasser. Da haben wir immer eine Menge Spaß zusammen.

Schwimmkurs

Schwimmkurs

Nur Gutes habe ich von der Ferienbetreuung gehört. Hierzulande sind die Sommerferien ja über 2 Monate lang, für arbeitende Eltern der Horror. Es gibt jedoch viele Kurse und Camps, auch nicht überteuert, die Kindern spielerisch wissenschaftliche Themen näher bringen, oder Handwerkliches, die Natur etc. Meine Freunde berichten sehr positiv über diese Sachen, meine Tochter ist da ja noch zu klein dafür, die muss noch mit Mami vorlieb nehmen.

Ist es einfach, einen Babysitter zu finden?

Der Babysitter in Spanien, oder zumindest hier in Andalusien heißt Oma. Ohne die Großmutter geht nix. Auch meine Schwiegermutter ist unser Babysitter. Ich hab jedoch mal geschaut, es scheint da einige Internetseiten zu geben, auf denen Studenten und ausländische Residenten ihre Betreuungsdienste anbieten. Gibt es also auch hier.

Ist Kinderbetreuung obligatorisch? Welche Arten der Betreuung gibt es? Wie sind die Kosten?

Kinderbetreuung ist ab dem dritten Jahr obligatorisch. Dann kommen die Kinder in eine Vorschule, das ist kostenfrei, ich glaube nur Material und Essen müssen gezahlt werden, wenn man das Kind denn zum Essen in der Schule lässt. Vorher kann man die Kinder in einen Kindergarten bringen. Da gibt es wenige staatliche und einige private und private mit staatlichen Zuschüssen. Ganz genau bin ich noch nicht schlau geworden aus dem System. Bei uns gab es nur die Wahl für einen privaten mit staatlichen Zuschüssen, das ist der Einzige in der Nähe und ich bin sehr glücklich mit diesem Kindergarten. Die Erzieherinnen sind super, sehr jung und aufgeschlossen. Es gibt eine eigene Küche mit Köchin, die das Essen jeden Tag frisch zubereitet. Die Kosten richten sich nach den Verdiensten der Eltern und liegen zwischen 70 und 250 Euro. Die Vorschule ist für mich schon ganz schön viel Schule hier. Bereits mit drei Jahren fangen die Kinder mit Schreibunterricht an. Im ersten Jahr der Vorschule ‚müssen‘ sie fähig sein, ihren Namen schreiben und Buchtitel abschreiben zu können. Viele Vorschulen sind mittlerweile auch zweisprachig. Ich habe das Gefühl, Kinder werden hier generell bis Eintritt in die Sekundarstufe total ‚hart rangenommen‘, alles müssen sie können, es werden große Anforderungen gestellt und dann auf einmal wird nachgelassen. Wenn die Kindheit dann vorbei ist, wird auch schulisch nicht mehr so viel gefördert, das hat mir neulich eine Bekannte so geschildert. Ich finde es irgendwie nicht so großartig, dass mein Kind mit drei Jahren schon schreiben, von eins bis zehn zählen und die Farben auf Englisch aufsagen soll. Von mir aus sollen sie doch spielen bis sie 6 oder 7 Jahre alt sind.

Gehen in der Regel beide Elternteile arbeiten? Wie ist die Arbeitsverteilung bei den Eltern? Wie ist die gesellschaftliche Meinung diesbezüglich?

Ich kenne beide Situationen. Arbeitende Mütter und Väter aber auch viele Hausfrauen. Viele meiner arbeitenden Freundinnen haben Haushaltshilfen, denn die Wohnung muss stets perfekt aufgeräumt und sauber sein. Haushalt ist hier bei den meisten ein Frauen-Ding, aber auch, weil die Frauen es so wollen. Viele möchten gar nicht, dass der Mann mit anpackt, er macht ja eh alles falsch. Und so haben es sich beide in ihren Rollen bequem gemacht. Meine Schwiegereltern sind ein typisches Beispiel dafür. Er geht frühmorgens aus dem Haus, aufs Feld, sie geht einkaufen, danach wird das Haus geschrubbt und gekocht. Er setzt sich an den gedeckten Tisch, wenn er fertig gegessen hat, steht er auf und lässt sich auf dem Sofa nieder. Viele der älteren Generation sind noch so. Neulich habe ich aber auch wieder mit einer jungen Mutter gesprochen, die auch so eingestellt ist. Für sie ist Kinderkriegen und Hausfrau-Sein das Ziel im Leben. Das hängt alles denke ich auch stark davon ab, wo man wohnt. Bei uns auf dem Dorf ist das noch normal, dass die Frauen Muttis und Hausfrauen sind, in der Stadt gibt es viel mehr berufstätige Frauen. Auch im Norden von Spanien steigt die Zahl arbeitender Mütter stetig an und ist vollkommen normal. Glücklicherweise ist mein Mann kein typisches andalusisches Exemplar, auch wenn er hier aus dem Dorf stammt. Er kann zum Beispiel viel besser bügeln als ich 😉 Und kochen tut er auch gerne.

Bist Du glücklich mit der Situation? Wie ist ein Vergleich mit Deutschland?

Im Moment bin ich sehr glücklich, so wie es ist. Dass mein Kind in einem Dorf aufwächst sehe ich als Vorteil, weil hier jeder jeden kennt. Wenn die Zeit gekommen ist, wird der Minimensch auch einmal ganz alleine quer durchs Dorf rennen, über die Wiesen springen und Unsinn mit den Freunden anstellen. Ich glaube, in einer Stadt hätte ich viel mehr Angst. Hier kennt sie jeder von Geburt an, weiß wer sie ist und wo sie hingehört. Dass ich mir dazu noch im Moment meine Arbeitszeit etwas freier einteilen kann, somit nachmittags für meine Tochter frei bin freut mich sehr. Nachmittag unternehmen wir immer schöne Sachen, gehen zum Schwimmen oder fahren ans Meer. Das Klima ist hier ein absoluter Luxus, der die Freizeitgestaltung um einiges erleichtert. Einen Vergleich mit Deutschland kann ich leider gar nicht so anbieten, da ich schon für sehr lange Zeit Deutschland verlassen habe. Doch jedes Mal, wenn ich mit meiner Tochter nach Deutschland fliege, um meine Eltern zu besuchen, fällt mir auf, dass es einfach geordneter zugeht, auch was Kinder angeht. Oft habe ich Blicke von Passanten kassiert, die mir sagen wollten: Mein Kind sei zu laut. ‚Können Sie bitte ihr Kind abstellen‘ war die Mitteilung, die ich in diesen Blicken sah. Ja, kann sein, dass mein Kind lauter als ein deutsches Kind ist, einfach weil hier in Andalusien alles lauter ist. An anderer Stelle fällt mir auch auf, dass beispielsweise meine Eltern bei manchen Sachen, wie dem gemeinsamen Essen viel strenger sind als meine spanischen Schwiegereltern. Dafür darf meine Tochter in Deutschland bei den Großeltern mehr Quatsch machen, mit Kissen auf dem Boden Burgen bauen, in der Erde wühlen…das sind Sachen, die meine spanischen Schwiegereltern nicht gern sehen. Sie sahen mich anfangs ganz entsetzt an, als sie beobachteten, dass ich mein Kind auch mal den Brei mit den Händen essen lasse. Ich glaube manchmal, in Deutschland dürfen Kinder noch mehr Kind sein als bei uns in Andalusien, oder zumindest hier auf dem Dorf. Während meine Eltern meine Tochter ermuntern Sachen zu entdecken, sind die Sätze, die ich hier sehr oft höre: „Nein, tu das nicht, du wirst hinfallen.“ und „Hör auf, du wirst dir weh tun.“ Das finde ich sehr bezeichnend, denn diese Sätze kommen nur aus spanischen Mündern. Aber ich denke, solange ich diese Sätze nicht sage und mein Kind weiterhin ermuntere auch mal hinzufallen und neue Sachen auszuprobieren ist alles in Ordnung 🙂

Vielen  lieben Dank, liebe Susanne, dass Du Dir die Zeit genommen und meine Fragen beantwortet hast!

Bereits mitgemacht an dieser Reihe haben die Bloggerin Séverine von Mama on the Rocks aus der Schweiz, meine Freundin Renate in Sidney, Tanja vom Blog Tafjora- eine deutsche Familie in Frankreich aus Frankreich, Bloggerin Anne vom Blog Die Wüste & Ich aus Dubai und Nadine vom Blog Buntraum aus Wien, Dajana vom Blog Mit Kinderaugen, die eine Zeit in den USA verbracht hat und Lara vom Blog Dreaming Today, die in Finnland lebt. Hier geht es zu den entsprechenden Beiträgen:

Schweiz

Sydney

Frankreich

Dubai

Wien 

USA

Finnland

Lebt Ihr ebenfalls mit Eurer Familie im Ausland und würdet gerne bei mir im Rahmen dieser Reihe davon berichten? Dann freue ich mich über eine Mail von Euch an

mama.schulze(at)gmx.de.

2 Kommentare

  1. Melanie sagt

    Ich mag deine Serie wie ist das eigentlich bei euch? sehr gerne und habe auch diesen Bericht aus Andalusien mit Spannung gelesen:-))
    Ich finde es immer sehr spannend zu sehen wie das Leben mit Kindern woanders immer so ist.
    Ich wünsche Susanne und ihrer Familie weiterhin alles Gute und sende liebe Grüßle nach Andalusien:-))

  2. Liebe Melanie, vielen herzlichen Dank, die Grüße sind angekommen. Ich lese übrigens auch jeden Monat diese Serie und finde es total spannend, wie die anderen so leben. Generell ist Mama Schulzes Blog ja wunderbar und sehr lesenswert 😉 Viele liebe Grüße nach Deutschland!

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