Mama, Mama-Blog
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Rien ne va plus

Der Mai war anstengend, anstrengender, am anstrengendsten. Wirklich.

Ich war den ganzen Mai über permanent erkältet, auch war ständig mindestens eines der Kinder ebenfalls krank und Papa Schulze war jede Woche mehrere Tage auf Dienstreise. Wenn er dann zu Hause war, musste er die Nächte mit den Kindern übernehmen, damit ich mich mal irgendwie ausruhen konnte. Trotzdem war das immer nur ein Tropfen auf dem heißen Stein: Ging es mir endlich nach zwei, drei Tagen nächtlicher Erholung besser, musste er wieder fort und der Kreis begann erneut, sich zu drehen. Gerne garniert mit Schnupfen/Bronchitis/etc. der Kinder obendrauf.

Irgendwie habe ich, haben wir gar nicht gelebt, sondern nur überlebt. Ich habe – irgendwie – meinen Job, die Kinder und den Haushalt gewuppt. Papa Schulze – irgendwie – seinen mehr als Vollzeitjob erledigt und dann noch – irgendwie – seine Vaterpflichten. Andere mögen das schaffen. Ich war am Ende meiner Kräfte und, wenn ich in die müden Augen meines Mannes sah, konnte ich sehen, dass bei ihm auch nichts mehr ging.

Rien ne va plus

Daher war es auch hier am Blog ruhiger in den letzten Wochen. Weil nichts mehr ging und ich irgendwann Prioriäten setzen musste. Ich hatte einfach keine Kraft mehr. Und neben dieses Null an Kraft, stapelten sich hier zu Hause die Wäscheberge, die Post blieb unbearbeitet, Mails unbeantwortet, der Rasen ungemäht und viele Dinge nicht erledigt. Rien ne va plus.

Das ging einige Wochen so und ich wurde unzufriedener und unzufriedener. Da war dieses Gefühl von „ICH PACKE DAS NICHT MEHR“, da waren die Tränen, die einfach so kamen, da war mein Ehemann, den ich sehr vermisste und da war der Unmut, dass einfach nichts so lief, wie ich das wollte oder ich geplant hatte. Und die Kinder spiegelten meine Unruhe total- das ist klar und obendrauf nicht einfach.

Ich wurde gereizter und gereizter, ich hatte keine Geduld mehr mit den Kindern,  ich hatte keine Geduld mehr mit mir, ich hatte keine Geduld mehr mit Papa Schulze. Ich wollte einfach nur noch, dass sich der ganze Zustand ändert. Bitte sofort.

Encore une fois

Genau in diese Zeit fiel eine Selbstreflexion im Rahmen eines Mentorings, an dem ich zurzeit in meiner Arbeit teilnehme. 1,5 Tage dauerte diese. Und ich ging mit gemischten Gefühlen dort rein, denn eigentlich hatte ich den Kopf ja gar nicht frei, und überhaupt: „Wie soll ich mich denn gerade mit meiner Karriere beschäftigen? Es läuft doch gerade eh nichts nach Plan, ich habe sowieso keine Zeit für Karriere und Kraft sowieso nicht.“ So war meine Einstellung.

Und dann haben mir diese 1,5 Tage so unglaublich viel gebracht. Und zwar für mich persönlich. Denn sie haben mich besinnen lassen, auf das, was für mich wichtig ist: meine Familie. Dass diese an erster Stelle steht. Und, dass ich ganz viele Dinge nicht ändern kann, die mir gerade „einen Strich durch die Rechnung machen“. Die mein Leben gerade unplanbar machen.

Ich kann nicht ändern, dass ständig eines der Kinder, insbesondere der Schneckerich, momentan krank ist. Ich kann nicht ändern, dass pro Nacht mindestens ein Kind aufwacht, weil Hunger/Pipi/Albtraum. Ich kann nicht ändern, dass ich mich aufgrund des Schlafentzugs und der Kinderkillerviren irgendwann anstecke. Ich kann nicht ändern, dass Papa Schulze so viel unterwegs ist. Ich kann nicht ändern, dass ich diejenige von uns bin, die in Teilzeit arbeitet. Ich kann nicht ändern, dass ich Multiple Sklerose habe und eigentlich sowieso mehr Ruhe brauche und auf mich achten muss.

Aber: Ich kann den Druck rausnehmen. Akzeptieren, dass ich in so einer Zeit eben genau diese Ruhe brauche. Dass einfach nichts mehr geht. Und, dass ankämpfen nur noch mehr Arbeit und Stress macht. Dass es keinen Sinn macht, mich über das System aufzuregen, in dem mein Partner und ich nicht 50:50 gleich verdienen und wir uns 50:50 um die Kinderbetreuung kümmern. Sondern mich darauf besinnen, dass ich einen Partner habe, der trotzdem des Nachts bei den Kindern wacht. Auch, wenn er hundemüde ist. Dass ich einen Partner habe, der mich trotzdem ruhen und schlafen lässt, sobald er zu Hause ist. Auch, wenn er sich nicht erinnern kann, wann er das letzte Mal mehr als 4 Stunden geschlafen hat. Dass ich einen Partner habe, der in dieser Zeit auch noch den Mount Washmore besteigt und uns wieder mit gewaschener Unterwäsche versorgt.

Nein, so habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt. Das muss ich zugeben. Aber, es macht mich nicht glücklicher, mir das die ganze Zeit vor Augen zu führen. Alles zu seiner Zeit. Und für manches ist dann eben halt gerade nicht die Zeit. Es werden auch wieder andere Zeiten kommen.

Daher: Aufstehen. Krone richten. Durchatmen. Weitermachen.

11 Kommentare

  1. Ich denke an dich und finde deine Lehre aus der Situation sehr hilfreich, für mich. Denn auch hier ist es oft ähnlich. <3

  2. Christina sagt

    Danke für diesen Artikel! Er spricht mir in fast allem, was Du ansprichst, aus der Seele. Ich habe vier Monate alte Zwillinge, bin zu Hause (wer sonst…?!), habe ebenfalls MS und versuche, so gut es geht, alles zu wuppen. Und bin des Öfteren aufgrund der Belastung und meinen wahrscheinlich zu hohen Ansprüchen auch den Tränen sehr, sehr nahe.

    Also was habe ich gerade gelernt: Aufstehen. Krone richten. Durchatmen. Weitermachen. 🙂

  3. Astrid sagt

    Pipi in den augen, geht mir grad genauso, weinend auf dem küchenboden…
    Aber irgendwie werd ich aus dem loch wieder rauskrabbeln,
    Lg

  4. Irgendwie hab ich zum Welt-MS-Tag so etwas oder ähnliches vermutet, weil ich so überhaupt nix von Dir gehört / gelesen hatte in der Zeit.

    Gut, dass Du für Dich die Achtsamkeit gefunden hast, die Dinge geschehen zu lassen, auf die Du nicht viel Einfluss hast.

    Ich schicke euch fuderweise Genesungsenergie!!
    Es geht bald wieder bergauf – daran glaube ich <3

    LG,
    Beate

  5. Marion Protzner sagt

    Liebe Jusu, danke für den Beitrag, deine Worte muntern mich auf . Halte du auch durch. LG Marion

  6. Anni sagt

    Ohje, ihr Armen! Auf dass es schnell aufwärts geht! Hattest Du nicht mal geschrieben, dass Deine Eltern in Eure Nähe ziehen, quasi nur um die Ecke? Oder ist doch hinfällig? Sonst gäbe es ja vielleicht auch von der Seite mal Entlastung?!
    VG Anni.

  7. Chocotine sagt

    Kopf hoch, es wird tatsächlich irgendwann besser. Ich habe meine drei auch nach der Diagnose bekommen, heute sind sie 12, 13 und 15 und ich frage mich manchmal, wie ich das alles geschafft habe. Aber: es geht und lass dir ruhig helfen, bzw. strecke alle viere von dir, wenn nichts mehr geht. Die Kinder finden das nicht schlimm! Wichtig ist doch nur, dass etwas zu essen da ist und man was halbwegs Sauberes zum Anziehen hat. Als ich noch keine Kinder hatte, dachte ich manchmal bei Familien mit Kindern zu Hause „Wie sieht es hier eigentlich aus?“
    Dann sah es bei mir gute zehn Jahre so aus (und manchmal immer noch!!!). Wen kümmerts?
    Und die Killerviren verschmähen dich auch irgendwann. Versprochen!

  8. Silke sagt

    Liebe Jusu,

    ich kann dir nur wärmstens empfehlen, dir eine junge Babysitterin zu suchen. Schülerinnen spielen ganz wunderbar mit den verschnupften Kindern, während Mama etwas Pause macht. Und wenn sie regelmäßig kommen, gehören sie irgendwie zur Familie. Mir hat das immer gutgetan. Gute Besserung!

    • Liebe Silke, danke für den Tipp. Das ist bei uns mittlerweile sogar der Fall: Das Nachbarsmädchen kommt immer mal vorbei 😉

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