Mama mit MS
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Mama, ich hab auch so ein Kribbeln!

„Mama, ich hab auch so ein Kribbeln!“, sagte die MaxiSchnecke neulich Abend plötzlich zu mir. „In den Händen“, setzte sie nach.

So langsam aber sicher macht sie sich Gedanken um meine Erkrankung. Immer mal kommt eine Nachfrage dazu. Zum Kribbeln, zu den Medikamenten, zu meinem Essen. Es beschäftigt sie also. Insgesamt sind Krankheiten und Verletzungen zurzeit sehr spannend für sie. Wenn sie sich in der Kita zum Beispiel ein Bein o.ä. aufschürft, schaut sie sich die Wunde ganz genau an, fordert jeden Tag ein neues Pflaster und beobachtet jedes Stadium des Heilungsprozesses. Sind wir in der Stadt unterwegs und sehen einen Rollstuhlfahrer oder eine Frau an Krücken, müssen wir sehr viel über das „Warum“ und „Wie“ sprechen.

Ich habe deswegen auch schon das Gespräch mit ihren Erzieherinnen gesucht. Denn mir fällt einfach auf, dass sie Krankheiten und Verletzungen doch sehr beschäftigen und wir sehr viel darüber reden. Auch unserer Kinderfrau, die die Schnecken einmal die Woche nach der Kita betreut ist das bereits aufgefallen. Sie hat mich darauf angesprochen und ich habe ihr erklärt, dass ich Multiple Sklerose habe und denke, dass die MaxiSchnecke deshalb so sensibel auf körperliche Leiden reagiert. Ich glaube, dass sie das darüber verarbeitet.

Die Erzieherinnen der MaxiSchnecke meinten, dass ihnen das bei ihr noch nicht besonders aufgefallen ist. Auch die anderen Kinder in der Gruppe sprechen wohl zurzeit viel über Krankheiten, Verletzungen und Blut. Und das Sterben.

Daher kann ich es nicht wirklich einschätzen. Aber gestern Abend ging es konkret um mein Kribbeln und die Krankheit. Wir waren gerade nach Hause gekommen und noch beim Ausziehen unserer sieben Anziehsachen. Erst kitzelte sie etwas am Fuß. Dann stellte sie ein Kribbeln in den Händen fest: „Mama, ich hab auch so ein Kribbeln. In den Händen. So, wie Du!“

Mich trifft das immer noch wie ein Schlag ins Gesicht, wenn meine Große mich danach fragt. Ich habe darüber auch erst kürzlich geschrieben (das könnt Ihr hier nachlesen). Ich muss mich dann kurz sammeln, tief durchatmen und auch oft etwas überlegen, da ich nicht immer sofort weiß, was ich antworten soll.

„Nein, MaxiSchnecken, Du hast nicht so ein Kribbeln in den Händen, wie ich.“

„Warum nicht, Mama?“

„Weil nur ich das habe.“

„Warum?“

„Weil das eine Krankheit ist, von der ich das habe.“

„Mama, geht die Krankheit wieder weg?“

„Nein, mein Schatz, die Krankheit geht nicht mehr weg.“

Stille.

„Warum geht die Krankheit nicht mehr weg, Mama?!

„Weil die Ärzte nicht wissen, woher sie kommt. Und deswegen können sie sie auch nicht wieder wegmachen. Um eine Krankheit zu bekämpfen, muss man wissen, woher sie kommt.“

Stille.

Und jetzt erklärte ich weiter, denn ich hatte Angst, dass sich die MaxiSchnecke zu große Gedanken und Sorgen macht: „Aber das Kribbeln und die Krankheit haben ganz viele Menschen. Ich bin damit nicht alleine, mein Schatz. Du musst Dir keine Sorgen machen!“

„Mama, versuchen die Ärzte denn rauszubekommen, woher die Krankheit kommt?“

„Ja, das sie.“

„Die finden das bestimmt raus!“

„Ja, das hoffe ich auch!“

Und damit war das Thema wieder vom Tisch. Anscheinend beruhigte es sie, dass die Ärzte nach der Ursache forschen.

Jetzt seid Ihr dran: Hattet Ihr auch schon solche Gespräche mit Euren Kindern über Krankheiten oder sogar über die Multiple Sklerose? Wie habt Ihr reagiert bzw. reagiert Ihr? Ich freue mich auf Eure Antworten 🙂

 

7 Kommentare

  1. Nadine sagt

    Hallo liebe JuSu,

    ich finde, Du beantwortest ihre Fragen sehr gut und kindgerecht. So soll es sein. Keine Lügen. Die Wahrheit kindgerecht verpackt. Und am Ende bitte noch etwas positives, damit keine Sorge im kindlichen Kopf hängen bleibt. Fühl Dich gedrückt für Deine Tapferkeit, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass diese Fragen der Kinder wie Messerstiche direkt ins Herz gehen, denn spätestens dann wird einem wieder bewusst, dass man eben keine „ganz normale“ Mama ist.

    Ich habe einen Herzschrittmacher, ohne den mein Herz nichts mehr tut. Also, nicht nur mal als Impulsgeber oder wenn ich Stress habe, sondern immer. Fällt er aus, bin ich tot. So einfach ist das. Die Fragen dazu treten mal ganz geballt, besorgt und häufig auf. Dann ist es wieder monatelang gar kein Thema. Ich versuche dann auch, ehrlich, kindgerecht und immer positiv zu antworten. Das geht mal einfacher und mal schwieriger, allerdings spüren Kinder auch, wenn man nicht authentisch ist. Und das ist als Eltern doch immer das wichtigste, oder?

    Viele liebe Grüße, Nadine

  2. Marcus Blau sagt

    ach mama… ich verstehe dich. meine mia, 7 j. alt, macht sich auch andauernd gedanken und es zerreißt mich innerlich, wie sich unsere kleenen um uns eltern solche sorgen machen, es sollte doch eher andersrum sein… ich hätte sie dieses weekend, aber mit grippe liege ich flach und das habe ich ihr gestern erzählt… auch das ich zu schwach zum einkaufen bin, aber eigentlich noch müsste… „papa, geh bitte erst morgen, nicht dass du hinfällst“… und danach war ihre stimme schon ein wenig weinerlich… diese momente sind es die richtig an mir zerren… aber sie ist stark, sie ist mein kind und sie wird damit fertig.

  3. Mandy sagt

    Liebe JuSu,
    Hut ab, ich finde, dass Du das Deiner Kleinen ganz groß erklärst. Ich finde, Ehrlichkeit und Offenheit sehr, sehr wichtig. Wenn wir nicht ehrlich sind mit unseren Krankheiten und unseren Sorgen, wie sollen wir dann unseren Kindern weitergeben, dass sie alles überstehen, mit allem wachsen und über alles reden können.
    Auch ich habe MS und habe das, musste das mit meinen Kindern thematisieren, als es mir ganz schlecht ging, ich mich kaum auf den Beinen halten konnte und es mir sehr schwer fiel, mich allein um sie zu kümmern. Ständige Arztbesuche zu Infusionen, eine dauermüde Mama, die Hilfe im Haushalt braucht, darüber MUSS man sprechen.
    Ich habe ihnen von meinen Polizisten im Kopf erzählt, die auf der falschen Polizeischule waren und deshalb denken, ich bin der Dieb, den sie jagen müssen. Aber die Ärzte geben mir Medikamente, die diese Polizisten betäuben damit sie keinen Quatsch mehr machen und meist funktioniert das.
    Sie wissen, dass das nicht immer funktioniert, aber es hilft ihnen, zu wissen, dass es hilft. Sie wissen, dass nicht immer alles im Leben so läuft, wie man will. Aber so ist das Leben und ich finde es wichtig, das frühzeitig zu lernen. Nicht auf die harte Tour. Aber ich will sie beim nächsten Schub nicht komplett erschrecken.
    So ist das Leben. Nicht immer kennen wir die Ursachen und Gründe, nicht immer wissen wir, wie man Probleme löst. Aber es hilft, zu wissen, dass man nicht alleine ist, dass auch im Dunkeln irgendwo ein Licht brennt. Genährt von der Hoffnung und der Liebe.
    Ich möchte, dass meine Kinder das verinnerlichen. Für JEDE Lebenssituation.

  4. Katha sagt

    Hey liebe Julia. Bei uns sind es keine Krankheiten, über die sich der Kopf zerbrochen wird sondern ganz aktuell Krieg, Gewalt und der Verlust der eltern.
    Haben vor etwa fünf Wochen einen Jungen in unsere Familie aufgenommen, der unbegleitet aus seiner Heimat geflohen ist…die Frage nach dem warum? Was ist Krieg? Wo sind Mama und papa? Wird da mit echten Waffen gekämpft und ähnliches, Spiele, in denen Bomben Häuser zerstören, alle „Tod gehen“ und Erkenntnisse wie“der Nikolaus geht da nicht hin weil es zu gefährlich ist“ sind nur wenige Ausschnitte des Alltags.
    Oft frage ich mich, ob solche komplexen Themen die zarten kinderseelen verstören, auf der anderen Seite denke ich, dass sie, leider, zu unserem Leben auf dieser Welt dazu gehören. Ich denke, dass wichtigste ist, genau zuhören, auf ängste eingehen, die Gespräche nicht meiden und zeit dafür haben. Dann hoffe ich, dass unsere Kinder gestärkt, mit dem Wissen, dass sie uns vertrauen können, damit umzugehen lernen und sich trauen, ihre Fragen weiter zu stellen. Immer und immer wieder!

  5. Liebe Maxi-Schnecke,

    ich arbeite mit vielen Menschen zusammen, die ganz viel forschen und suchen. Sie suchen die Ursache für ganz ganz viele Dinge- auch Krankheiten wie die deiner Mama. Sie arbeiten täglich daran und suchen nach Ursachen und Heilungsmöglichkeiten. Das ist gut so, denn so kommen sie immer ein Stückchen weiter. Lass dir versichert sein: sie geben alles und nehmen ihren Job sehr ernst. Ich pass drauf auf! Versprochen!

    LG Bella

  6. Privat kann ich Gott sei Dank nicht mitreden. Beruflich hatte ich aber schon viel mit Familien zu tun, in denen ein Elternteil irgendeine fiese, meist chronische Erkrankung hatte. MS war häufig genug dabei.
    Bei all dem negativem, was die Erkrankung mit sich bringt, habe ich aber auch festgestellt, dass die Kinder daran wachsen. Es scheint manchmal, als wenn ein emotionaler Reifeprozess etwas früher einsetzt, als bei anderen Kindern. Sie lernen früher und besser mit Verantwortung umgehen.
    Ob diese frühe Entwicklung immer gut ist, sei mal dahin gestellt, ich hab es jedoch stets positiv wahrgenommen.

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