#kitastreik, Mama-Meinung
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#KiTastreik: Offener Brief an Paul Lehrieder, CSU

Lieber Herr Lehrieder,

wir kennen uns nicht. Ich möchte mich kurz vorstellen: Ich bin eine berufstätige Mutter zweier Töchter mit der chronischen Erkrankung Multiple Sklerose und lebe und arbeite in Hessen. Beide Töchter gehen in eine städtische KiTa. Gestern Abend habe ich auf Spiegel Online einen Artikel zum KiTastreik gelesen, in dem Sie in Ihrer Funktion als CSU-Politiker und Vorsitzender des Familienausschusses im Bundestag zitiert wurden  (hier geht es zum entsprechenden Artikel).

Seit Sonntag ist klar: Ver.di plant neue KiTastreiks ab Mitte September. Sobald die Sommerferien im ganzen Bundesgebiet vorbei sind, sollen die Erzieherinnen wieder in den flächendeckenden Ausstand gehen. Denn der Schlichterspruch, der eine Erhöhung der Gehälter von 2 bis 4,5 Prozent vorsah, wurde gemeinschaftlich von den entsprechenden Mitgliedern in der Ver.di und der GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) abgelehnt. 

Natürlich sollen die Streiks erst nach den Sommerferien stattfinden, es soll alle treffen, und zwar hart. Das verstehe ich und wäre ich Streikplaner würde ich genau so denken. Für berufstätige Eltern, die gerade die Sommerschließzeit der KiTas und Schulen mit ihrem Urlaub überbrücken mussten und nun vielleicht nicht mehr so viele Urlaubstage haben, auf die sie zurückgreifen können (und sich diese für die nächste Schließzeit aufsparen müssen), ist das natürlich besonders problematisch. Mal ganz abgesehen davon, was es für die Kinder bedeutet, die nun 3 bis 4 Wochen zu Hause waren, nun zum Teil nach den Sommerferien fast schon wieder „neu eingewöhnt“ werden und dann schon wieder zu Hause bleiben müssen und die Welt nun vollends nicht mehr verstehen…

Ja, Herr Lehrieder, da kann ich mitreden, denn unsere städtische KiTa hat auch die letzte Streikperiode voll und ganz mitgemacht. Insbesondere Leid getan hat mir das für die Vorschulkinder, deren Vorschulprogramm die letzten Wochen vor Eintritt in die Grundschule brach lag. Und, dass diejenigen Eltern, die in dieser Zeit ihre Kinder in Kita eingewöhnen wollten, um dann wieder arbeiten gehen zu können, ein riesiges Problem hatten, versteht sich von selbst.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht in epischer Breite darauf eingehen, ob ich die Gehaltsforderungen oder die Streiks angemessen finde. Ich finde es gerade vor dem Hintergrund des demographischen Wandels ein Unding, dass soziale Berufe so schlecht vergütet werden. Noch schlimmer finde ich es allerdings, dass es so wenige Vollzeitstellen in diesem Bereich gibt. Wir brauchen sowohl für die Jüngsten als auch die Ältesten gut geschultes und zuverlässiges Betreuungspersonal. Das funktioniert über zahlreiche Teilzeitstellen, Praktikanten, FSJler, die häufig wechseln, einfach nicht. Und das muss in einer Sozialgesellschaft, wie wir sie leben wollen, doch möglich sein, oder?

Allerdings finde ich auch, dass die letzte Streikphase sehr schön verdeutlicht hat, dass der Kitastreik deutschlandweit nur wenig interessiert hat. Bei der Tagesschau war der wochenlange Streik vielleicht 2 oder 3 Mal Thema, in den Zeitungen wurde er kaum aufgegriffen. Machen wir uns nichts vor, die Geburtenzahlen belegen das ebenfalls eindeutig: Wir Eltern sind in der Minderheit. Von uns gibt es nicht mehr viele. Warum sollten unsere Probleme in der Versorgung unserer Kinder während wir arbeiten den Rest der Gesellschaft oder Sie als Politiker interessieren?

Dass uns die Streiks (Papa Schulze und mich) als berufstätige Eltern ohne Familie am Ort plus meine MS-Erkrankung, bei der Stress Gift ist, an unsere Grenzen bringen, sei nur am Rande erwähnt. Auch ist schon viel in den Medien zu den einzelnen Schicksalen Betroffener erschienen. Das muss ich hier nicht noch einmal alles aufdröseln.

Allerdings schwillte mir – und Papa Schulze – gestern Abend der Kamm, als wir auf Spiegel Online den entsprechenden Artikel zu den geplanten Streiks lasen. Denn da werden Sie, Herr Paul Lehrieder, zitiert (hier geht es zum entsprechenden Artikel). Sie sagten: 

„Nach meiner Auffassung ist die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher mehr wert, als der Schlichterspruch vorsieht.“ (Quelle: Spiegel Online)

OK, den Ansatz kann ich ja noch nachvollziehen. Wobei ich mich frage, woher das Geld kommen soll? Und was soll eine Steigering der Wertigkeit bedeuten? Mehr Gehalt? Und ist dann noch ausreichend Geld für eine Erweiterung der  Vollzeitstellen übrig? 

Die Kommunen sind reihenweise bei uns in Hessen pleite. Die kommunalen Arbeitgeber sagen, sie könnten nicht mehr Gehalt zahlen. Die Schlichter kommen zum selben Schluss. Herr Lehrieder, warum wird bislang seitens der Länder und Kommunen, meinetwegen auch des Bundes (ich kenne mich mit der Verteilung der Gelder im föderalen System nicht aus) nicht über eine Neuverteilung der Gelder diskutiert? Warum wird der Streit um die Gehälter ausschließlich auf dem Rücken der Eltern und der kommunalen Arbeitgeber ausgetragen? Warum fühlt sich darüber hinaus niemand zuständig? Nein, das Thema wird einfach ausgesessen, beide Seiten (Gewerkschaften und Arbeitgeber) schieben sich die schwarzen Peter zu. Manche Politiker kommentieren das und versuchen ihren politischen Vorteil daraus zu schlagen. Aber keiner handelt. Und wir Eltern gucken doof und verkrachen uns aus Verzweiflung mit den streikenden Erzieherinnen, dabei sollten wir doch an einem Strang ziehen!

Sie werden weiter zitiert:

„Die Eltern wären bestimmt auch bereit, für gute Betreuung etwas mehr zu bezahlen als bisher. Ich denke, da sollte ein Kompromiss möglich sein, der signifikant über dem bisherigen liegt.“ (Quelle: Spiegel Online)

Und hier möchte ich Ihnen sagen: NEIN! Nein, ich bin nicht bereit, mehr Geld für die Betreuung meiner Kinder auszugeben! Wir zahlen mehr als ein Drittel meines Gehalts für die Kinderbetreuung. Manche Eltern in anderen Bundesländern zahlen mehr, manche weniger. Für uns ist das eine Menge Geld. Denn wir sollen von unserem Gehalt auch noch fürs Alter und für die Pflege etwas zurücklegen. Denn ich habe durch die Kinder ja auch schon kräftig Rentenpunkte eingebüßt. Und somit zukünftiges Rentengeld. Und die nächsten Jahre werde ich ja auch nur in Teilzeit arbeiten gehen und entsprechend weniger einzahlen können. Da müssen wir zusätzlich vorsorgen. Mal ganz abgesehen davon, dass es in Bezug auf meine MS ebenfalls düster aussieht. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung konnte ich nicht abschließen, denn durch Vorerkrankungen wurde mir diese verwehrt. Sollte ich berufsunfähig werden, haben wir ein Geldproblem, falls wir nix zurücklegen. Denn, das ist ja allseits bekannt: Die staatliche Pflegeversicherung deckt nur einen kleinen Teil des Bedarfs ab. Eine private Pflegeversicherung nimmt mich mit der MS ebenfalls nicht mehr.

So sind von unser beiden Gehältern neben Wohnkosten, Betreuungskosten, Versicherungen und Vorsorge 11 Prozent übrig. Davon haben wir den Monat über noch keine Lebensmittel und Kleidung eingekauft oder etwas zusätzlich gespart.

Wir reißen uns organisatorisch die Beine aus, damit wir beide arbeiten gehen können. Würden die Betreuungskosten gemäß den Gehaltserhöhungen steigen, lohnt es sich schlicht und ergreifend nicht mehr, dass ich arbeiten gehe. Ob ich nun in Teilzeit arbeiten gehe oder gar nicht, die Verarschten sind wir ohnehin. Das erkannte schon Roman Herzog. Der war bekanntlich einmal Bundespräsident von 1994 bis 1999 und sagte diese weisen Worte: 

“Es kann nicht sein, dass ein Ehepaar – bei dem nur der eine ein Leben lang ein Gehalt oder einen Lohn einsteckt – Kinder aufzieht am Ende nur eine Rente bekommt. Auf der anderen Seite verdienen zwei (kinderlose) Ehepartner zwei Renten. Und die Kinder des Paares, das nur eine Rente bekommt, verdienen diese beiden Renten mit. Das ist ein glatter Verfassungsverstoß.”

(Zitat gefunden bei www.elternklagen.de)

Nein, wir sind nicht bereit, noch mehr Geld für die Betreuungskosten auszugeben. Denn wir haben schon jetzt nicht mehr ausreichend Geld übrig, um für unsere alten Tage oder schwere Zeiten ausreichend vorzusorgen. 

Mir ist bewusst, dass unser Sozialsystem sich quasi nicht mehr trägt, da es durch den demographischen Wandel immer weniger junge Leute gibt, die dort einzahlen. Aber warum werden dann wir Eltern, die einzigen Personen, die dieser Entwicklung entgegenwirken, quasi doppelt und dreifach ausgenommen: bei der Rente, bei den Gehältern UND bei den Betreuungskosten? 

Sie sagen, dass wir sicherlich dazu bereit wären, etwas mehr für die Betreuungskosten – bei guter Qualität – zu zahlen. Mein Mann und ich haben einmal – ganz grob – ausgerechnet, wieviel Euro das in Summe für die Eltern bedeuten würde. Dabei sind wir von einem durchschnittlichen Gehalt eines Erziehers ausgegangen. Die Hans-Böckler-Stiftung hat dies auf monatlich 2.519 Euro in Westdeutschland und 2.239 Euro in Ostdeutschland ermittelt (Quelle). Davon ist der Mittelwert 2.379 Euro. Den haben wir zur Berechnung genommen. Es gibt rund 250.000 Erzieherinnen und Erzieher in Deutschland, rund 120.000 werden noch benötigt. Das macht, wenn der Bedarf gedeckt ist, 370.000 Erzieherinnen und Erzieher (Quelle). Eine Gehaltssteigerung von durchschnittlich 10 Prozent würde ein Mehr an 88.060.000 Euro bedeuten. Wir interpretieren Ihre Annahme, dass die Eltern gerne einen Teil des Mehrs übernehmen, einmal grob mit 50:50. Also blieben 44.030.000 Euro übrig. Verteilt auf die Kinder, die in einer KiTa in Deutschland betreut werden, das waren zum 01. März 2013 (eine aktuellere Zahl haben wir leider nicht gefunden) 597.232 Kinder (Quelle), sagen wir 600.000 – wir wollen ja mal nicht so sein – sind das durchschnittlich 73 Euro. Wie gesagt, durchschnittlich. Und davon ausgehend, dass die Kommunen, die ja eigentlich kein Geld haben, mehr als die Hälfte (die Gesamtpersonalausgaben sind ja um einiges höher) übernehmen. Ansonsten wären es durchschnittlich 146 Euro mehr für die Eltern. Für ein Kind. Was diese Beträge jeweils aufs Jahr an Rücklagen bedeuten würden, brauche ich an dieser Stelle nicht extra ausrechnen. Und bei dieser Rechnung ist das Mehr an den übrigen Personalkosten der 120.000 zusätzlich benötigten Erzieherinnen und Erzieher (Sie erinnern sich, wir wollen ja alle eine gute Qualität – dafür brauchen wir diese zusätzlichen Erzieher) noch nicht mit berechnet. In unserer Rechnung ist ja nur die Gehaltssteigerung von 10 Prozent enthalten. Wie gesagt, die Kommunen haben ja kein Geld. Würden diese 120.000 zusätzlichen Gehälter auf die Eltern umgelegt, wären es 476 Euro zusätzlich pro Kind. Arbeitgeberanteile noch nicht mit einberechnet. 

Lieber Herr Lehrieder, wie können Sie unter diesen Gegebenheiten behaupten, wir Eltern seien gerne bereit, dieses Mehr zu bezahlen? Warum lassen sie sich zu solchen unüberlegten Plattitüden hinreißen? Wie sollen wir noch mehr dafür zahlen, dass wir arbeiten gehen dürfen? Unsere Kinder sorgen für die Zukunft unseres Landes- warum zahlen wir dann so einen teuren Preis dafür? 

Das würde mich wirklich einmal interessieren!

Beste Grüße,

JuSu Hubinger alias Mama Schulze

17 Kommentare

  1. Ich danke dir für diesen Post! Genau diese Gedanken habe ich mir auch gemacht und ich könnte die Wände hoch gehen, wenn ich daran denke, welche Last die Eltern dieses Landes tragen müssen! Und wie wenig Anerkennung und Entlastung es dafür gibt- gesellschaftlich und vor allem politisch!

  2. Ich danke dir für diesen Post! Genau diese Gedanken habe ich mir auch gemacht und ich könnte die Wände hoch gehen, wenn ich daran denke, welche Last die Eltern dieses Landes tragen müssen! Und wie wenig Anerkennung und Entlastung es dafür gibt- gesellschaftlich und vor allem politisch!
    Danke, für deine offenen Worte!

  3. Hut ab, sehr gut recherchiert, gerechnet und verfasst!!! Ich bin auch nicht mehr bereit, noch mehr in die Betreuungskosten zu stecken. Aufgrund der erhöhten Krippenkosten bei uns in einem kleinen hessischen Dorf, steht es gerade sogar auf der Kippe, ob ich überhaupt Arbeiten gehe bevor der Bruder 3 Jahre ist. Wir würden tatsächlich monatlich DRAUFLEGEN, damit ich Teilzeit arbeiten gehen kann. Und dann soll ich noch mehr für die Betreuung zahlen? Nein danke!!! Deinen Brief würde ich gerne mit unterschreiben!!!

    • Danke für Deinen Kommentar. Drauflegen ist wirklich unglaublich! ich bin gespannt, ob ich eine Antwort bekomme…LG JuSu

  4. Sabine sagt

    Vielen Dank!
    Zwar ist meine Tochter (16) längst der Kita entwachsen, aber wir unterhielten uns gerade im Freundeskreis über das Thema.
    Verstehen kann ich beide Seiten, sowohl Eltern wie Erzieher /Innen. Allein dass Politiker (denen eine Erhöhung der KiTa-Beiträge sicherlich prozentual weit weniger aus dem monatlichen Etat nähme als „normalen“ Arbeitnehmern) sich hier mit Federn schmücken, die ihrer beileibe nicht gebühren, finde ich unter aller Kanone.

    Die Frage, ob ein generelles Überdenken der Finanzsituation im Bund nicht langsam mal an der Zeit wäre, stelle ich mir seit geraumer Zeit. Obendrein finde ich es faszinierend, dass allein das Wort „Studiengebühren“, die von Eltern und Studenten zu entrichten sind /wären, im Gegensatz zur Höhe der KiTa -Gebühren in allen Kreisen einen Sturm der Entrüstung hervorruft. Hoffentlich hat dieser Brief den Erfolg, dass wenigstens jemand darüber nachdenkt.

    • Liebe Susanne, vielen Dank für Deinen Kommentar! Und warum sorgen Studiengebühren für mehr Entrüstung &
      Gehör? Weil Studenten eben auch Wählerstimmen sind. Anders kann ich es mir nicht erklären.

      • Cathrin sagt

        Studiengebühren riefen mitnichten in allen Kreisen einen Sturm dr Entrüstung hervor. Um genau zu sein, bevor ich mit meinem Studium anfing war in unserer kleinen „Arbeiterwelt“ wenig bekannt, dass es die (und in welcher Höhe) überhaupt gibt.
        Mehrere Jahre lang gingen Studierende auf die Straße bevor sich von der Politik überhaupt jemand rührte – von Seiten der Bevölkerung wurde oft nur mit dem Kopf geschüttelt („das Partyvolk beschwert sich über Studiengebühren“).

        Einen grundsätzlichen Unterschied gibt es – die Studis habens auf die Reihe bekommen sich über Verbände und Co laut genug über einen längeren Zeitraum zu organisieren. Auf Elternseite, und das zeigte der Streik nun deutlich, kommt kaum etwas. Um es mal mit einem Spruch aus diverse Erzieherforen zu sagen: „vielleicht tuts noch nicht weh genug“

  5. Lillith sagt

    Ich gebe dir vollkommen Recht, auch ich bin nicht bereit mehr zu zahlen und im Endeffekt steigt die Qualität der Betreuung dann doch nicht. Wie auch, solange eine Erzieherin weiterhin mit etwa 15 bis 20 Kindern allein ist?! Und nur weil sie mehr Geld bekommt, hat sie nicht mehr Ohren, Augen und Hände, um auf das einzelne Kind individueller einzugehen. Auch ändert sich durch eine Gehaltssteigerung nicht das Grundverständnis am Kind. Der Streik ist für mich solange sinnlos, solange es immer noch zahlreiche Erzieher gibt, die auf die Kinder nur aufpassen, statt sich selbst als Fachkräfte frühkindlicher Entwicklung zu sehen und sich dementsprechend verhalten. Ich bezweifle, dass eine bessere Vergütung bei genau diesen Pädagogen ein Umdenken bewirkt. Und die, die umgedacht haben, wünschen sich bessere Arbeitsbedingungen und mehr Zeit für die Kinder, statt mehr Geld (so zumindest in der Kita meines Kindes)

    • Liebe Lilith, ich denke ebenfalls, dass es mit höheren Gehältern nicht getan ist. Das konnten wir sehr gut nach der letzten Streikphase beobachten: 4 Wochen lang streikten unsere Erzieher, bekamen weniger Geld in der Zeit, keine Einigung wurde erzielt, die Eltern wurden sauer. Sie kamen nach dem Streik zurück in die Kita und dann erkrankten direkt 1,2 Erzieher und schon kippte das ganze System in unserer KiTa und die Erzieher mussten wie immer auf viel mehr Kinder aufpassen als gedacht. Und das kann es doch wirklich nicht sein, oder?

      • Lillith sagt

        Liebe JuSu, auch bei uns bricht leider alles zusammen, sobald unerwartet jemand fehlt. Ich bin dankbar dafür, dass die Arbeit der Erzieher aufgewertet werden soll. Auch darüber, dass die Gesellschaft über die Wichtigkeit der qualitativen Betreuung aufgeklärt wird und Vorurteile, wie „Erzieher sitzen ja nur im Sandkasten“ abgeschafft werden sollen. Zeitgleich kommt aber somit auch ein unheimlich starker Druck auf die Pädagogen, die diesen gar nicht standhalten können. Und dann stürzt natürlich alles ein, sobald unerwartet jemand krank wird… Um die Atmosphäre in der Kita trotzdem so angenehm wie möglich zu gestallten, fallen die Bildungsangebote aus. Das wiederum widerspricht sich allerdings mit der Aufwertung des Berufes und wird, zumindest bei uns von Eltern und Kontrollinstanzen nicht lang geduldet. Also beißen die Fachkräfte doch wieder die Zähne zusammen, planen halbwegs gute bis sehr gute Angebote, die sie mit viel zu vielen Kindern durchführen, werden dabei dann noch von manch einem Elternteil wegen durchaus Wichtigem unterbrochen, sitzen anschließend doch wieder total erschöpft im Sandkasten und müssen sich dann von Familientherapeuten und anderen Erziehungsratgebern schreiben lassen „Erzieher, lasst die Kinder mehr spielen!“, während manch Einer sich in seinem Vorurteil gegenüber diesem Beruf bestätigt sieht.

  6. »Mir ist bewusst, dass unser Sozialsystem sich quasi nicht mehr trägt, da es durch den demographischen Wandel immer weniger junge Leute gibt, die dort einzahlen.«

    Leider ist das ein Trugschluss. Eine Legende. Eine Schimäre. Erfolgreich gespinnt und verbreitet von Arbeitgeber- und Besserverdienendenverbänden wie der Initiative Neue Sozial Marktwirtschaft (INSM) und dem Steuerzahlerbund. Von Versicherungen und Banken die von der privaten Vorsorge leben. Von neoliberalen Politikern. Und von der FDP sowieso.

    Einzig, es ist falsch. Unser Sozialsystem hat Macken. Es muss an einigen Stellschrauben gedreht werden. Na sicher. Aber es trägt sich. Auch mit Geburtenrückgang. Denn in jeder Erzählung über das ach so kranke System wird die Steigerung der Produktivität bewusst weg gelassen.

    Die Sozialversicherungen haben zwei Weltkriege überlebt. Dagegen ist der Geburtenschwund heute und in Zukunft ein Kindergeburtstag.

    Dem Rest des Artikels möchte ich zustimmen. 🙂

    • Hallo Alex, danke für Deinen Kommentar. Mir fällt zeitgleich auf, dass ich diesbezüglich keine Ahnung habe, sondern einfach nachplappere. Danke für den Hinweis, da werde ich versuchen, mich zu informieren. LG

  7. Katja Z. sagt

    Ich bin seit 9 Monaten alleinerziehende Mutter und zahlen keinen KITA Beitrag mehr, aber als wir noch eine „Familie“ waren, war das genauso wie sie schreiben. Wir haben jede Menge Kosten getragen und ich bin der Meinung, dass das Kindergeld im Grunde für die Betreuung drauf geht. Jetzt da ich Hartz IV beziehe, wird das Kindergeld als Einkommen verrechnet! Was machen den die vielen Millionen Alleinerziehende, die sowieso schon Tag und Nacht arbeiten müssen mit ihren Kindern? Für Ferien, extra Tage etc. müssen die Alleinerziehende Stunden ansammeln und wenn dann auch noch Streiks sind, werden die Alleinerziehende erst recht keine Stelle mehr von den Unternehmen bekommen, da sie ständig wegfallen, das ist nämlich das andere Extrem. Es wundert mich wirklich nicht mehr, daß die Geburten so stark zurück gehen. Kinder sind was wunderbares, aber in Deutschland würde ich auch keine mehr bekommen wollen! Seit fünf Jahren ist das ein Kampf um Kindergartenplatz, Arbeitsstelle (oft werden Mütter nur 450Euro-Jobs angeboten) und so weiter….trauriges Deutschland!

  8. Es trifft die Kommunen vor allem unterschiedlich hart. Während Großstädte sogar steigende Geburtenzahlen aufweisen, entvölkert sich der ländliche Raum. http://www.welt.de/politik/deutschland/article130395319/Warum-in-Grossstaedten-mehr-Kinder-geboren-werden.html Das bringt sowieso schon notorisch klamme Metropolen (wie bei uns in Köln) besonders unter Zugzwang. Der Bedarf an Betreuungsplätzen wächst natürlich stetig – und mit den Gehaltsforderungen auch exponentiell. Da muß ein Ausgleich gefunden werden, Land oder Bund sollten unbedingt Finanzierungshilfe leisten.

  9. Bianca sagt

    Hallo…
    Ich wollte nur mal kurz sagen, dass ich in Westdeutschland Erzieherin bin….ich verdiene keine 2500 € und auch keine 2300 € ….es sind knapp 1800 € ….ich habe bereits 16 Jahre Berufserfahrung….

    • Liebe Bianca, vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich habe die Durchschnittswerte genommen, die von den kommunalen Arbeitgebern veröffentlicht werden. Andere Zahlen habe ich leider nicht.
      Darf ich Dich fragen, ob Du von Brutto oder Netto sprichst? Die Zahlen, die ich verwendet habe, sind Bruttozahlen. Vielen lieben Dank für Deine Antwort, JuSu

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